Der alte Herr lächelte: »Weltnebelspanne, wissen Sie, was das ist? Das ist die Epoche des Drucks und der Pressung, in der sich im Weltenraum ein neuer Himmelskörper bildet. So vollzieht sich wohl jetzt eine Neubildung der Menschheit. Was tut es, daß wir wenigen den Wechsel mit unserm Herzblut bezahlen? Wir müssen glücklich sein, wenn wir ein bißchen Freude am Wege finden, wie ich sie heute durch Sie finden durfte.« Er verneigte sich ritterlich vor ihr, wie ein Junger vor der Dame seines Herzens: »Tragen Sie Ihr köstlich Gut weiter, Fräulein Treß. Bringen Sie auch andern noch ein bißchen Freude.«
Ein Kraftwagen fuhr schnell durch die Straße, hart am Fußgängersteig entlang. Die Pfeife schrillte brutal die Menschen an: Platz, Platz für mich! Der Wagen stieß an den Oberst, der ihn nicht sah; um ein weniges hätte er den alten Herrn umgeworfen.
Der Mann am Steuer warf das Gefährt herum und brachte es zum Stehen. »Zum Donnerwetter! Können Sie nicht aufpassen?«
Alle Männer im Wagen, die die Ledermütze in den Nacken geschoben und ihre Pelzmäntel geöffnet trugen, schalten auf den Mann, der ihre Fahrt verzögerte. Dann fuhren sie weiter.
Der Oberst sah ihnen still nach. Womit wucherten jene, die sich so breitmachten und die Straße für sich allein begehrten, mit Zucker oder mit Fetten? Oder verschoben sie Vieh? Es lohnte nicht, zu fragen, auf welche Art die Leute in dieser Notzeit reich wurden. — Geschmeiß!
»Wir werden kein Volk mehr sein, wenn es so fortgeht, nur eine Masse«, sagte der alte Herr. »Aber trotzdem« — und nun verklärte das freundliche Lächeln wieder sein im Schreck erbleichtes Gesicht —, »trotzdem tragen Sie ein wenig Freude weiter aus, mein liebes Fräulein!«
Ja, das wollte Güldenfey, und sie suchte weiter und ließ ihren Mut nicht verkümmern, als Woche um Woche verging, ohne daß sie Frau Jobst gefunden hatte. Sie würde sie schon entdecken, und es lag ja so viel am Wege, was auch des Findens wert war. Nur ein bißchen Freude! wiederholte sie täglich, wenn sie am Morgen ausging.
Es wurde ihr schwer, die Stadt auf einige Wochen im Sommer zu verlassen und nach Heilisoe überzusiedeln. Aber Harro hatte sie gebeten, Marfa zu begleiten. Er reiste in einer politischen Sendung nach Norden, und Marfa war stiller als je. Es war undenkbar, daß man sie allein auf der Insel gelassen hätte, das sah Güldenfey ein.
Doch Heilisoe bot ihr nicht die Ruhe wie einst. Nein, gewiß nicht, sie schaute nicht nach den gewaltigen Türmen aus, die an sonnenhellen Tagen im Süden aus dem Dunst der Ferne auftauchten; sie bemühte sich, nicht an ihre Armen dort zu denken, und war um Marfa eifrig bemüht. Doch alles, was sie einst so erfreut und was ihr Jörg gedeutet hatte, weckte in ihr die Sehnsucht nach dem Bruder, der seit drei Jahren nicht heimgekommen war.
Was hatte er an dieser Stelle gesagt, wo sich die blauen Glockenblumen über den Rand der narbigen Dünenwand neigten und die silbergrünen Ölweidenbüsche sich fest an den Abhang klemmten? Und hatte er nicht die Insel mit einer Brücke, aus der Zeit in die Ewigkeit führend, verglichen, als sie am Abend droben auf den Königsgräbern standen und das unruhige Zucken des Blinkfeuers über das Land huschte? Und die Käuzchen schrien um die Dämmerungzeit wie damals, und der Wind griff wieder mit lichtfrohen Händen in das Gewölk und zerrte den grauen Flaus, den er zerrissen, auseinander.