Ja, es war alles wie einst, aber es fehlte Güldenfey der Mund, der diese Sprache gedeutet hätte. Es wäre so gut gewesen, wenn sie das, was sie empfand, hätte ausdrücken können, schon um Marfas willen, die so schweigsam wurde.

Marfa liebte nicht den nördlichen Strand, wo sich die hohen zerrissenen Dünenwände gegen die brausende Flut stemmten, von wo aus man in die ungemessene Ferne blickte, aus der vor vielen Jahrhunderten auf hochgeschnäbelten Schiffen die Väter gekommen waren. Marfa suchte viel lieber das südlich gelegene Flachland auf, um das der Gesang des Meeres gedämpfter klang.

Da war die Heide, deren Färbung, blaßviolett wie in der Sonne verblichener Samt, dem Lande ein kränkliches und doch ehrwürdiges Aussehen verlieh. Wo die Narbe des dürren Pflanzenwuchses fehlte, schimmerte grell der weiße Sand, von harten silbernen Gräsern gesäumt. Oder es blinkten wie verschlossene Augen tintenschwarze Wassertümpel aus dem Binsenkranz. Ganz vereinzelt drückten sich in Sandmulden zwerghafte verbogene Föhrenbüsche oder winzige Weiden, die wie silberne Myrten erschienen, und denen der immer hastige Wind kein Wachstum gestattet, sondern nur ein bescheidenes Vegetieren.

Hier fühlte Marfa sich wohl, hier konnte sie tatenlos liegen und in die Ferne schauen. Iphigenie! dachte Güldenfey.

Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,

Das Land der Griechen mit der Seele suchend.

War das immer noch ungestillte Sehnsucht nach dem Manne, den sie in dieser Fremde gewonnen hatte und doch nicht besaß? Güldenfey erschien es zuweilen, als sei dies Verlangen nach Harro nur der Name für Tieferes, Unausgesprochenes, was die Seele dieser Frau in sich barg.

Es war gut, daß Hanna Wilkens da war. Ja, das hatte sich Güldenfey ausbedungen: dieses kleine verblichene Nähmädchen sollte zu seiner Erholung einige Wochen in Sonnenschein und Seewind gebadet werden. Malte hatte Bedenken geäußert, aber Frauke hatte in ihrer Art die Schultern gehoben und gesagt: »Warum nicht?« Damit war es entschieden gewesen.

Hanna Wilkens blühte auf, daß es eine Freude war. Sie wollte durchaus etwas arbeiten, doch das litt Güldenfey nicht; sie sollte stilliegen und höchstens Güldenfey Rat erteilen, was man tun könne, um den Armen in der Stadt zu helfen.

»Die Armen!« sagte sie. »Ach, die wohnen nicht allein in den Häusern der Sachsenvorstadt, die Sie aufsuchen, Fräulein Treß. Aber die alten Stiftsdamen in den Klöstern und die Weiblein und Männlein in ihren verräucherten Stuben leiden bittere Not. Sie leiden vor allem darunter, daß niemand sich um sie kümmert.«