Güldenfey hob beide Hände: »Ich wollte ihnen allen helfen, aber ...«
»Sie, Fräulein Treß?« sagte Hanna und sah Güldenfey gläubig an. »Sie dürfen nur lächelnd und mit einer Blume zu ihnen ins Zimmer treten, und alles ist gut.«
Ein wenig Freude! dachte Güldenfey. Und sie dachte an den Garten hinter der Mauer. Hatte sie nicht schon früher die Blumen in ihm für arme sonnenlose Zimmer gepflückt? Sie konnte es kaum erwarten, bis die Stunde schlug, in der Telge mit dem Boot kam, um sie abzuholen.
Sie nannten ihn den vergessenen Garten, weil er, von wenigen gekannt, in einem abseitigen Winkel der alten Stadt lag. Gegen das Meer zu deckte ihn der Rest der wehrhaften Stadtmauer, und der Chor der alten Klosterkirche St. Johannes Evangelist sah von der andern Seite aus altersdunklen hohen Fenstern auf ihn herab. Dann war noch eine Hauswand da, aber von Süden her hatte die Sonne ungehindert Zugang zu ihm.
Wer ihn aufsuchen wollte, mußte die Winkelgänge des alten Klostergebäudes kennen und sich in dem Gewirr der Stiegen und Häuschen zurechtfinden, die willkürlich und nach jeweiligem Bedarf hier errichtet waren. Der Großvater Treß hatte ihn von der Stadt übernommen; keiner hatte sich um ihn gesorgt, bis Güldenfey ihn entdeckt und als Ziergarten mit Mellins Hilfe hergerichtet hatte.
Mellin, der etwas von der Gärtnerei verstand, wirkte hier unermüdlich. Zwar war er in den mageren Jahren wiederholt an Güldenfey mit dem Vorschlag herangetreten, man müsse Gemüse bauen. Doch dann hatte sie ihn nur angeblickt.
»O, Mellin, meine Blumen, meine Freude!«
Im Frühling, wenn die Sonne die Höhe ihrer Bahn noch nicht beschritten, war das Blühen in dem vergessenen Garten spärlich. Aber welche Zier begrüßte Güldenfey, als sie von Heilisoe zurückkehrte! Das wilde, inbrünstige Blühen des Sommers war zu ihrem Empfang bereit: Löwenmäuler schwefelgelb, purpurn und elfenweiß; Strohblumen von tiefem Blutrot; Rudbeckien, Astern und Georginen schufen ganze Wolken von Bunt um den violenfarbenen Phlox; Stiefmütterchen, späte Rosen und besondere Veilchen blühten, und die zarten Lackfarben der Gladiolen schimmerten wie fließendes Wachs.
In der tauigen Frühe des Sonntagmorgens war Güldenfey schon dort. Sie hatte sich Hanna Wilkens und eine ihrer Schwestern bestellt, die die Sträuße binden sollten, die man später austragen wollte. Sie selbst schritt wählerisch unter ihrem Reichtum umher und schnitt Verbenen, Zinnien und Studentenblumen, dunkelblauen Eisenhut und Honiggold. Und jede Blume, die sie schnitt, empfing einen Wunsch, den sie weitertragen sollte.