»Hanna, hier müßten Sie noch eine brennend rote Salvie dazutun, damit es leuchtender wirkt. Und dieser Levkoienstrauß sollte noch ein paar Kosmeen oder Geißblumen tragen.«
Kresse, Astilben und die Wicken am Zaun, deren bunte Blüten wie Schmetterlinge in der Luft schwebten, gaben unerschöpfliche Reichtümer her.
Dann gingen die Mädchen, und Güldenfey blieb allein, während das Geläut der Glocken wie Bienensummen über die Stadt zog. Nur die Klänge von St. Johannes sanken hallend auf die Blumen des vergessenen Gartens und überließen sich hier erst dem Wind, der von der See kam.
Der vergessene Garten! Güldenfey setzte sich auf die Bank und sann. Dort oben hinter den Fenstern der Häuschen und der Klosterräume wohnten die alten Männer, deren Leben lautlos verrann. Einige von ihnen erhoben sich noch am Morgen von ihrem schlaflosen Lager, rückten den binsengeflochtenen Stuhl zurecht und strickten Strümpfe und Netze. Andre aber zogen die Ärmelweste an und saßen, ihre Arme auf die Knie gestützt, den Tag über auf dem Bettrand, und während sie das bärtige Gesicht in den Falten ihrer schwieligen Hände verbargen, warteten sie auf den Tod. Zuweilen erhoben sie sich und schauten mit unbewegten Mienen in den blühenden Garten hinunter, der ihnen seine Düfte und Farben entgegenhob. Was an Gedanken mochte durch diese altersweißen Köpfe gehen? Oder ob sie mehr nicht dachten als das eine, daß der Tod sie vergessen habe, wie das Leben diesen blühenden Gartenfleck?
Und ergraute Damen waren dort drüben mit Löckchen vor den Ohren, dünnen Ringen, die verschlissene Türkisen faßten, auf den welken Fingern und mit erloschenen Augen. Das Alter hatte ihren Gestalten die Zierlichkeit jugendlicher Jahre wiedergegeben, aber die Not der Zeit hatte ihre schwarzen Abendmahlsgewänder fadenscheinig und grau gemacht. Und auch sie saßen, wenn der Wind vom Meer nicht durch die morschen Rahmen blies, auf ihrem Fensterplatz, und an warmen Sommerabenden öffneten sie einen Flügel und lehnten sich ein wenig hinaus, um in ihr welkendes Dasein etwas von dem Nelkenduft ihrer blumigen Mädchenzeit fließen zu lassen. Aber sie waren wie die rostigen Schlüssel der weihnachtlichen Bescherungstuben, die man von außen verschließt: sie sehen, wenn sie in das Schlüsselloch gesteckt werden, alle Herrlichkeiten dort innen und kommen doch selbst nicht hinein. Wenn die Sonne sank, schlossen sie das Fenster wieder, wanden die Gewichte ihrer Uhren auf und lauschten auf die blechernen Schläge bis Mitternacht. Und vielleicht kam dann zögernd der Schlaf und schenkte ihnen einen Traum.
Es ist alles nur ein Warten, dachte Güldenfey, bei diesen und jenen, bei Marfa und den hungernden Menschen. Auch bei mir? Nur ein Warten?
Güldenfey horchte auf. Kamen da nicht Schritte, und hatte die Pforte nicht geknarrt? Als sie den Kopf wandte, erkannte sie Thomasius, der hell und grüßend auf sie zukam.
»Störe ich auch nicht Ihre Sonntagsfeier?« fragte er.
»Aber Sie?« fragte Güldenfey. »Es ist doch die Zeit des Gottesdienstes!«
Er erklärte, daß er heute frei sei und die Alten besucht habe, denen der Gang zur Kirche beschwerlich war.