»O das ist schön!« rief sie. »Gerade habe ich an die Altersschwachen gedacht und was ihnen das kümmerliche Lebensrestchen noch bedeutet. Wir haben für sie die Blumen dieses vergessenen Gartens gebunden.« Sie deutete auf die Sträuße, die im beschatteten Gras lagen.

Thomasius sah nicht die Blumen, er blickte Güldenfey an, und in seinem bewundernden Blick war etwas, das sie verwirrte. Was er nicht aussprach, das sagten seine Augen: Du selbst bist der vergessene Garten, aus dem vielen eine reiche Labe fließt. »Ich besitze etwas, das ich Ihnen bringen wollte«, sagte er. »Nun sah ich Sie hier vom Fenster aus und dachte, es Ihnen gleich zu geben. Es ist mir eine Genugtuung, der Freudespenderin einmal auch Freude machen zu können.« Er entfaltete ein Zeitungsblatt und reichte es ihr. »Von Jörg Treß wird über sein letztes Konzert berichtet. Lesen Sie, wie warm und anerkennend!«

Er beobachtete heimlich ihr Gesicht, während sie las. Die rote Welle der Freude stieg in ihre Wangen und höher, bis an die Wurzeln ihres lichten Haares. Es war, als teile sich ihm ihre Empfindung mit und ziehe seine Seele an die ihre. Du Feine, du Güldene! dachte der Mann.

Als sie am Ende war und tief atmend aufblickte, nahm er das Blatt und wandte es um. »Noch etwas«, sagte er.

Ein Artikel: Vom ungelebten Leben! Und Jörg Treß zeichnete als Verfasser.

Ja, sie wußte darum, wie Jörg seine Kunst ausübte; aber hier sprach er es klar und schön aus und stellte es allen als sein hohes Ziel vor: Keine Folge blendender Musikvorträge in den Konzerten, bei deren Anhören sich einige etwas, die meisten nichts dachten, sondern die Perlen großer Meister ausgereiht auf das vermittelnde und bindende Wort des Vortragenden in gewählter Form. Erst wenn die Kunst wieder gottesdienstliche Handlung wird, erst dann werden wir ihr Wesen erleben.

»Wie wahr ist alles, was er sagt!« rief Güldenfey. »Er hat große Gedanken und ein reines Herz. O, ich liebe ihn!«

Sie sagt es inbrünstig wie eine Braut, dachte Thomasius, und eine kleine eifersüchtige Regung schwoll in ihm auf. »Sagen Sie das nicht«, bemerkte er lächelnd.

Sie blickte ihn verwundert an.

»Es könnte eines Tages jemand des Weges kommen,« fuhr er ohne scherzenden Beiklang fort, »der stillsteht, wenn er Sie sieht, und anklopft. Ich glaube, er wäre traurig, wenn er die Tür verschlossen fände, in die er einzutreten wünscht.«