Güldenfey sah in ihren Schoß. An ihrem Kleid haftete noch ein Stiefmütterchen; sie nahm es und drehte den Stengel zwischen ihren schlanken Fingern. Dann schaute sie auf und erkannte, daß seine Worte bedeutsam waren. »Wer glaubt, hier anpochen zu müssen,« sagte sie ruhig, »wird wissen, daß er alle, die schon darinnen sind, nicht ausweisen darf.«

»Nicht ausweisen!« entgegnete er zögernd. »Aber —«

Sie wiegte langsam den Kopf. »Es hieße an dem Reichtum der Liebe zweifeln.«

»Sie haben völlig recht!« sagte er überzeugt. »Wollen Sie mir das Stiefmütterchen wohl schenken?«

Güldenfey reichte ihm die Blume und erhob sich. Sie ging den Gartensteig entlang und bückte sich nach den Sträußchen. Dann kam sie wieder zurück. Seine Blicke umfingen zärtlich diese schlanke, lichte Mädchengestalt, die voll reifen Frauentums war.

»Ich muß jetzt gehen«, sagte sie, und er erhob sich, um sie zu begleiten.

Advent

So voll Sorge und Bangigkeit war noch kein Winter gewesen wie dieser, der jetzt anhob, auch jener nicht, da deutsche Heere in bitterem Streiten vor dem vielköpfigen Feind lagen und die in der Heimat Darbenden von Rüben lebten. Es war jetzt alles unsicher, und keiner konnte von heute auf morgen sehen, weil ein Dunkel, ärger als der dickste Nebel, die nächste Zukunft verbarg.

Und trotzdem nahte Weihnacht, und ein zaghaftes Gefühl der Hoffnung schlich sich schüchtern in die trostlose Welt; ein ferner Glanz aus alten Weihnachtstagen kam und hängte sich an die Ketten aus Silberschaum in den Schaufenstern, und der deutsche Wald sandte seine jungen Bäume, daß sie am Lichterfest in den Stuben dufteten, und die Glocken ließen ihr Klingen über die Stadt gehen, arm und einstimmig, aber doch in der alten Weise.

Der vergessene Garten lag unter Frosthauch und Schnee und gab nichts mehr her, was Güldenfey hätte in die Stübchen der Alten tragen können, in denen sie nun dicht vermummt neben dem kalten Ofen saßen, und wo der Hauch am Mund gefror. Wärme und Licht, ja, das schuf sie ihnen, soweit ihre schmalen Mittel reichten. Aber ein wenig festliche Freude!