»Was könnten wir ihnen bringen?« fragte sie Hanna Wilkens.

Doch die kleine Näherin wußte keinen Rat. Es ging alles nur auf die Geldmittel, die schon für den nötigsten Bedarf nicht zureichten.

Plötzlich kam Güldenfey ein glücklicher Gedanke, der sie mitten in der Nacht vom Lager auftrieb. Sie hatte wach gelegen und auf das Heulen des Windes gelauscht, der in dem Speicher rumorte. Wie wäre es, wenn wir ihnen etwas singen könnten? Es hatte sich um Hanna Wilkens ein Kreis Jugendlicher gebildet, der die alten Weihnachtlieder übte, um sie bei der Bescherung vorzutragen. Sollten sie nur einmal gesungen werden?

In der Frühe der beiden letzten Adventsonntage zog durch die Straßen der Stadt ein seltsamer Zug: sechs verhüllte Gestalten, von denen eine die buntfarbene Laterne trug; die andern hielten Tannenzweige wie Palmenwedel in den Händen. Der Zug ging trotz der Schneewehen, die der Wind aufgehäuft, durch Düsternis und heimliches Grauen durch die Stadttorbogen dahin, wo die verbogenen Häuschen der Armen standen, und machte an einer Ecke halt. Plötzlich klang es von jungen Stimmen gesungen:

In dulci jubilo,

Nun singet und seid froh!

Zwischen den hohen Häusergiebeln kreischte und stöhnte der Wind, der Kreuzgang von St. Johannes war erfüllt vom Rauschen des Meeres. Aber die Stimmen, die den alten Christgesang trugen, waren stärker und füllten die Straße.

Es war ein staunendes Horchen hinter den Fenstern; dann tastete eine Hand nach dem Zündholz, eine schwache Kerze flammte auf, und während vorsichtig der Vorhang des Fensters zurückgeschoben wurde, erschien ein greiser Kopf zwischen den Spalten, spähte in das Dunkel, wo ein bunter Laternenschein zwischen dunklen Wesen glomm, und verschwand wieder. Die Kerze erlosch, der Ruhende kroch wieder in das wärmende Bett. Hände falteten sich, Augen flossen über.

Ubi sunt gaudia?

Dann zogen sie weiter, zum Heiligen Geist, zum Kronswinkel, zum Kurhof, und überall, wo sie standen, sangen sie von Marienweh und dem Trost, den der bringe, der in der Weihnacht als unscheinbares Reis einer großen Gnade entsproß. Es kamen Prasser, die die Nacht an den Zechtischen zugebracht hatten, des Weges; aber das trunkene Wort wollte nicht von ihren Lippen; sie gingen im Bogen um die singende Schar. Es kamen Schichtarbeiter, die die Arbeit schon zeitig in ihr Gewerk trieb: sie blieben stehen und holten die Versäumnis in schnellerem Gehen ein und nahmen ein wenig Blankes in der Seele mit.