In den Mauervorsprüngen der Gassen kauerte noch die Nacht, die Strebepfeiler von St. Niklas griffen wie erstarrte Arme in die Luft und stemmten sich gegen das Gewände des Mittelschiffes. Im Osten stieg der späte Wintermorgen in einem fahlen Lichtstreifen herauf. Er brachte nur die Dämmerung der nordischen Sonnenwendzeit. Jene aber, die jetzt mit leisen, vom Schnee gedämpften Tritten heimwärts gingen, das Licht in der farbigen Laterne ausbliesen und ihre Zweige an die Türklinken der Häuser steckten, hatten Kerzen entzündet, die noch lange flammten.
Es war der vierte Advent. Thomasius redete mit besonderem Eifer heute: Tröstet, tröstet mein Volk! Güldenfey, die etwas fröstelnd in dem goldenen Präsentierteller saß, blickte verstehend zu ihm auf. Es erschien ihr zuweilen, als rede er nur zu ihr. Doch das empfand sie nicht als etwas Besonderes, denn er pflegte seit einiger Zeit sich beim Sprechen dem goldenen Präsentierteller zuzuwenden.
Als sie die Kirche verließ, schritt sie über den Markt, wo wenige Verkaufsstände das Überbleibsel eines Weihnachtmarktes andeuteten. Einige große Schirme über Kramtischen glichen riesigen weißen Pilzen. Der Wind hatte nachgelassen, der eindringende Nebel war gefroren, Häuser und Türme erschienen wie wunderbares Zuckergebäck.
Sie müßten doch einen Pfefferkuchen haben, dachte Güldenfey, als sie die Kinder bemerkte, die um die Buden strichen. Im Treßhof duftete es schon seit acht Tagen nach dem würzigen Backwerk, und wenn auch Ose an Mandeln, Rosinen und Honig sparte, es wurde zur Weihnacht doch gebacken, und der Duft war da, der von dem Harzgeruch der Tannen unzertrennlich ist. Aber diese —!
Sie griff schon in die Tasche; ja, sie hatte etwas Geld bei sich, zu wenig, um alle lüsterne Mäulchen zu stillen, aber genug, um den guten Willen zu zeigen. Und siehe, sie bekamen alle und wurden satt und zufrieden, wenn auch keine Brocken übrigblieben.
Also hatte Güldenfey ihre Adventfreude. Und wenn sie auch am liebsten die Schar mit sich genommen und ihnen die Vorräte des Treßhofs vorgesetzt hätte, sie hatte das Tröpflein auf dem heißen Stein doch zischen gehört. Leise summte sie das Lied, das sie in der dunklen Frühe des Tages mitgesungen, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinanstieg: Ubi sunt gaudia? Mellin kam hernieder, staunte sie an und grüßte.
»Sind Sie nicht auch ein wenig froh, Mellin?« fragte sie. »Ich hörte, Ihr Mariechen kommt mit den Kindern. Und denken Sie doch: Weihnachten!«
Mellin strich gedankenlos durch seinen Bart. »Ach, gnädiges Fräulein, Weihnachten und diese Zeit, wie paßt das zusammen!«
»Doch, doch, es paßt schon, Mellin. Wissen Sie, am dritten Feiertag muß Mariechen mit den Kindern bei uns Kaffee trinken.«