Mellin lächelte geschmeichelt und bedankte sich.

Ich werde ihn schon dahin bringen, daß er sich freut, dachte Güldenfey.

Das blasse Licht des Mittags wurde von Graugewölk verdunkelt, hinter dem die lange Nacht, die kaum gegangen, schon wieder harrte. Marfa hatte sich nach dem Mahl zurückgezogen, und Güldenfey, die früher als alle aufgestanden, wollte es sich in ihrem Zimmer für ein Stündchen behaglich machen. Plötzlich horchte sie auf.

War das ein Geräusch? Nein, kein Geräusch, vielmehr ein Seufzen. Doch wer sollte geseufzt haben, den sie nicht hätte sehen können? Sie blieb stehen und lauschte. Es war nichts. Und doch, da hörte sie es wieder. Kam der Laut aus ihrem Inneren?

Leise öffnete sie die Tür, die die Treppe zum Beratungzimmer vom Flur abschloß, und stieg hinab. Als sie sich über die Brüstung lehnte, sah sie einen Mann am Tisch sitzen. Die Dämmerung in dem Raum war schon so vorherrschend, daß sie ihn, der ihr den Rücken zuwandte, nicht erkannte. Er hatte den Kopf in die linke Hand gestützt, die andre hielt ein Blatt aus der geöffneten Mappe, die auf dem Tisch lag, zur Betrachtung vor das Gesicht. Es war die Zeichnung, die Jörg am Abend der Testamentsverlesung entworfen: das Tier, vor dem sich alle Stände neigten. Sie blieb lautlos stehen.

Da stieg wieder jenes schmerzliche Seufzen auf, und nun wußte sie, wer es war. Sie eilte hinab. »Malte, wie kommst du um diese Stunde hierher?«

Er fuhr erschreckt empor und wollte sich erheben, sie setzte sich schnell an seine Seite. Wirr und etwas verlegen blickte er sie an. »Ich?« fragte er. »Ich bin spazierengegangen, ich mußte an die Luft. Und da ging ich hier vorüber und trat ein. Es ist zuweilen so sonderbar; die alten Erinnerungen ...«

»Ja, jetzt in der weihnachtlichen Zeit«, sagte Güldenfey.

Er machte einen Versuch, zu lächeln, doch der mißlang. Und in diesem Augenblick erkannte Güldenfey, wie anders Malte geworden war. Das schöne Gesicht mit den edlen Zügen hatte sich gänzlich verändert, der Ernst war zur Schärfe geworden, und um die Augen, die so gütig blicken konnten, lag die Düsternis langer Winternächte. Nur seine Blässe war ihm verblieben und leuchtete wie Marmor in dem verschatteten Raume. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. »Malte, sag' doch, was fehlt dir?«

»Nichts! Ich habe ja alles, was ich brauche.« Wieder brach sein Versuch, zu scherzen, zusammen. »Nur, ich sagte schon, die Erinnerungen.«