Er wollte sich verschließen. Nein, auf diese Weise konnte sie ihm nicht helfen. »Ich weiß, du denkst an die Kinderzeit«, sagte sie sanft. »Ja, damals, als der Vater vor uns so geheimnisvoll tat und es ein Verstecken und Tuscheln und bei jeder Gelegenheit bedeutungvolle Blicke gab. Aber, weißt du noch, hier durften wir ein paar Tage vor dem heiligen Abend stets sitzen und die Fäden an Kringel und Zuckersterne für den Baum befestigen. O welch ein Berg süßer Herrlichkeit da vor uns aufgeschüttet lag! Und Jörg verstand es so gut, die Netze aus Goldpapier zu schneiden. Er war schon damals ein Künstler.«

»Es kam anders, ganz anders«, sagte Malte.

»Und wir wurden andre, Malte.«

»Das weiß Gott, Güldenfey. Das heißt: du nicht! Du bist das unbesorgte Kind geblieben. Du könntest noch heut Zuckersterne auf Fäden ziehen.«

»Du nicht?« fragte sie gläubig. »Wenn hier der große Berg vor dir aufgeschüttet läge, du nicht?«

»Ich glaube nein«, sagte er. Seine Stimme bekam einen weichen Klang. »Der Kinderglaube und die Freude jener Jahre ... Ach, Kind, zuweilen möchte ich das alles aussprechen dürfen, was über einen dahingeht; ich wünschte nicht mehr als dies, vor einem sitzen zu können, der mich anhörte, oder wenn das nicht möglich ist, nur mich an irgendwen lehnen zu können und vor ihm zu schweigen. Bewußt sich vor jemandem ausschweigen, das ist auch eine Wohltat. Das hat mich in unser altes Haus getrieben.«

Und Frauke? dachte Güldenfey. Doch sie sprach es nicht aus. Sie legte ihre Hand auf seine und ließ sie da liegen.

»Es gibt etwas Merkwürdiges,« fuhr er fort, »eine Kühle, eine Leere, oder wie soll ich es nennen; es ist nur ein winziger Punkt, aber er wächst sehr schnell, und was man anfangs die Regung eines Stolzes nannte, ist plötzlich eine weite Wüste, und man ist so allein.«

»Warum kommst du nicht zu mir, Malte?«

»Ach, du liebe kleine Güldenfey!« sagte er. »Ich wäre wohl dazu da, dich vor allem Rauhen zu beschirmen, nachdem Vater dich mir so an das Herz gelegt hat. Und nun soll ich gar zu dir kommen. Aber es ist zuviel, es ist zuviel, und zuweilen mein' ich, es sei gar nicht zu schaffen.«