Wie ein großer Junge, den seine Schulaufgaben quälen, dachte Güldenfey, und tröstend strich sie über seine Hände. »Mußt dir nicht so viele Sorgen machen, Malte. Wir haben doch genug, und wenn wir wenig haben, so schadet's auch nicht. Wir sind ja alle zufrieden, wenn unser großer Bruder nur froh ist.« Sie strich an ihm auf und nieder, und er, Malte, saß still da und ließ es sich gefallen.

Wie gern hätte Güldenfey ihn bewogen, sich alles von der Seele zu sprechen, doch sie wußte, daß behutsames Abwarten das beste Mittel sei. Vielleicht wollte Malte ...

Doch die weiche Regung war schon vorüber. Sein Blick fiel auf das Blatt, das auf dem Tische lag, und er richtete sich auf. »Verzeih, Güldenfey!« sagte er. »Da komm' ich nun und mache dir das Herz schwer mit dem, was ich da schwatze, nicht wahr? Was für sentimentale Anwandlungen es doch gibt!«

»O Malte, es war ja so gut!«

Doch er war schon weit fort, und dieser Ton berührte ihn nicht mehr. »Laß es gut sein, Kind,« sagte er, »du darfst dich nicht sorgen, denn es ist alles vortrefflich.«

Sie geleitete ihn bis zur Tür und sah ihn davongehen, aufrecht, stolz in dem Gefühl, der ersten einer in dieser alten Stadt zu sein und der argen Zeit die Stirn bieten zu dürfen. Langsam ging sie auf ihr Zimmer.

Was hatte diese beiden Menschen zusammengehen heißen? Er, der die Überlieferung eines alten Hauses trug, ob sie schon nichts mehr galt, und sie, die Frau dieser Zeit mit dem heimlichen Rauschen und Klirren der Seide und edler Metalle; er, gehalten und in Wort und Handlung das Wesen des königlichen Kaufherrn ausprägend und doch dabei immer ein wenig unsicher auf seine Frau schauend, ob seine Haltung ihr gefalle. Was hatte diese verschiedenen Menschen verbunden?

Der Vater hatte diese Verbindung einst willkommen geheißen. Der Name Poppelmann klang wie Gold. Und doch — Güldenfey glaubte nicht, daß Malte aus rein rechnerischer Erwägung um Frauke angehalten habe. Es war etwas in dieser Frau mit den hochmütigen Augen, die grau wie Seewasser im Wind waren, das ihn immer aufs neue anzog und fesselte. Vielleicht dies, daß sie nicht wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihm lag, sondern sich verschloß und Rätsel aufgab.

Und Frauke? Sie hatte keine gute Meinung bei den Brüdern genossen. Warum galten ihr die Treß nichts? Warum war ihr drittes Wort Harvestehude? Nicht laut ausgesprochen. O nein, dazu war sie zu vornehm; aber doch mit jeder Gebärde unterstrichen. Eigentlich machte sie nur vor Güldenfeys natürlicher Sicherheit halt, und Güldenfey wußte, daß sie anders war als das, was sie zu sein vorgab: weit mehr Verstehen, weit mehr Güte.

War das ein Verhängnis der neuzeitlichen Frau, verkannt zu werden, weil sie ihr Wesen verleugnete und ihre natürliche Tonart mit der Melodie des Überlegenen vertauschte? Ach, dieses Scheinenwollen dessen, was gar nicht war! Wieviel Falsches kam doch damit in die Welt! Gewiß, das war die große Leere, die frostige Kühle, in der die Menschen einsam litten und verdarben. Was nützte es Malte, wenn er diese Leere sah und sie doch nicht überbrücken konnte!