Güldenfey hatte nicht gehört, daß an die Tür gepocht war. Sie wandte sich um, als sie das Mädchen auf der Schwelle sprechen hörte. Das Zimmer war ganz in das Dämmergrau des Abends getaucht, und nur durch die Fenster drang die Schneehelle. Güldenfey wollte fragen, da sie das Mädchen nicht verstanden hatte, da hörte sie die Stimme Thomasius'. Er stand schon in der Tür, und sie erhob sich, um das Licht einzuschalten.
»O nein!« bat er. »Wollen Sie mir, wenn ich recht sehr bitte, das Geschenk einer Dämmerstunde machen? Ich kann nicht sagen, wie lange ich sie habe entbehren müssen, und heute ...«
Thomasius fand seinen Platz in dem Ohrenlehnstuhl, Güldenfey saß auf dem hochlehnigen Sofa. Sie sahen einander kaum, nur die Umrisse ihrer Gestalten hoben sich aus dem Dunkel. Aber ihre Stimmen, die gedämpft klangen, trugen hin und her, was das unsichtbare Fluidum zwischen ihnen vermittelte. Wie eigen das war!
»Sie fahren schlecht bei diesem Zwiegespräch im Dämmerlicht«, sagte Güldenfey. »Hätten Sie mir erlaubt, Licht zu machen, so würde ich Ihnen wahrscheinlich Äpfel und Nüsse angeboten haben.«
»Das ist bedauerlich«, erwiderte Thomasius heiter. »Ich bin gerade gekommen, um Nüsse zu knacken, doch ist es so besser. Vielleicht erlauben Sie trotzdem, daß ich mir einen Paradiesapfel mitnehme.«
»Wenn Sie die Dämmerstunden so lieben, warum verschaffen Sie sich solche nicht in Ihrem Pfarrhause?« fragte Güldenfey. »Es ist so alt wie der Treßhof und voll spukhafter Winkel.«
»O Fräulein Güldenfey,« sagte er und nannte sie damit das erstemal mit ihrem Rufnamen, »es liegt das nicht am Gebäu, in dem man sich aufhält, es ist eine innere Angelegenheit des Träumenden. Sie freilich sind wohl von guten Geistern besonders gern heimgesucht. Wissen Sie, ich fand Sie schon einmal so in dem vergessenen Garten, und heut wieder im Dämmerlicht dieses Stübchens. Aber allein in dem großen Pfarrhause? Nein, mich würde dort kein Traum besuchen. Ich muß Zwiesprache halten dürfen mit guten, lieben Genossen. Früher ...«
Plötzlich war er in seiner Jugend und sprach von seinem Elternhause. Der Vater war ein namhafter Gelehrter gewesen und früh verstorben, die Mutter war mit sieben Kindern in Dürftigkeit zurückgeblieben. Die vier Jungen besaßen einen Wintermantel und zwei Sonntagsanzüge. Sie mußten sich abwechselnd je nach Bedürfnis darin teilen. Und die Mahlzeiten? Oft genug nur Kartoffeln in Salz getunkt. Aber alle waren in diesem kärglichen Leben rotwangig und frisch und vor allem heiter. Das lag an der Mutter. Ja, welche Mutter war das, die sich für das Wohl der sieben Raben verzehrte und aus einem schier unerschöpflichen Lebensquell immer noch darzureichen fand! Seine Stimme war voll verhaltener Zärtlichkeit.
Wie glücklich muß er sein! dachte Güldenfey. Er hatte eine Mutter lieb.
»Glauben Sie mir,« fuhr er fort, »das Darben in unserer Zeit fällt dem nicht schwer, der durch diese Schule schon so früh schritt. Und wenn mich zuweilen die Verzagtheit packen will, dann denke ich nur an die Dämmerstunden daheim. Die ließ sich die Mutter nie nehmen. Wir saßen um den grünen Kachelofen, und sie sagte uns unvergeßliche Worte. Keiner durfte sich schämen, denn das barmherzige Dunkel war da und bedeckte unsere Gesichter, und der gütige Liebestrom der mütterlichen Rede umfing alle. Nicht wahr, nun begreifen Sie, warum mir diese Zwielichtstunden so wert sind?«