Sie erhob sich und trat an das Fenster. Die Teiche, die die Stadt umgürteten, lagen im Mondlicht. Der Duft der lenzenden Erde floß um die alten Weiden.
»Es ist hell draußen, und unter den Bäumen nebelt es. Du sollst jetzt schlafen, Kind.«
»Ach, Ose, erzähle, bitte!«
»Was? Die Unglücksgeschichte? Die bringt müden Menschen den Schlaf nicht.«
»Ich finde vorher doch nicht Ruhe.«
Wer konnte widerstehen, wenn Güldenfey bat! Die Alte schüttelte den Kopf, setzte sich am Bette wieder nieder und begann.
»Die Treß sind von Heilisoe als Fischer in die Stadt gekommen und haben den Handel angefangen. Es ging recht und schlecht mit ihnen, und ihr Wohlstand wuchs, und sie bauten die Kornspeicher. Aber dem Balzer, der nach hundert Jahren aufkam, ging das In-die-Höhe-Kommen nicht schnell genug. Damals war schon der Neid auf die Olrogges und deren Mißgunst gegen uns. Der Balzer fing also den Handel mit Holland an. Das alte Abenteurerblut brauste in ihm, er rüstete eine Kogge aus und fuhr selbst nach Amsterdam. Er hatte, ich weiß nicht wie viele, Söhne und Töchter zu Hause, aber das Goldfieber gewann solche Macht über ihn, daß er nur selten heimkam. Der Reichtum floß ihm zu, und er leitete ihn her, aber er verfiel der Gier mit Leib und Seele. Immer neue Besitztümer raffte er an sich. Aber als er nun so viel besaß, daß er es kaum noch übersah, da packte ihn das Heimweh in der fremden Stadt. Er belud eine neue schöne Kogge und segelte heimwärts. Er fuhr und fuhr und kam doch nicht an sein Ziel. Es war nicht stürmisch, doch er konnte die Einfahrt in den Sund bei Heilisoe nicht finden. In Häfen und auf der Fahrt fragte er stets aufs neue: ›Wo geht der Weg nach Heilisoe?‹ Sie beschrieben ihn dem Frager, doch er fand ihn nicht. Sein Kompaß wies ihn in die Irre. Seitdem fährt er rastlos durch die Meere bei Tag, bei Nacht, in Wintern und Sommern, immerfort. Sie nennen ihn den fliegenden Holländer. Viele haben seine Kogge mit der Glücksfee, die ein goldenes Füllhorn ausschüttet, als Gallion gesehen; auch mein Vater, der als Kapitän oft bis ans Nordkap fuhr. In stillen Nächten hört man auch den Anruf: ›Wo geht der Weg nach Heilisoe?‹ Dann werfen sie das Schiff nach Steuerbord herum, denn von Backbord gleitet es immer auf sie zu. Können ihm ja den Weg doch nicht weisen, und wenn schon — den Kurs findet der fliegende Holländer nicht.« —
Güldenfey lag ganz still. Ose glaubte, sie sei eingeschlafen. »Kind, schläfst du?«
»Ach nein, Ose. Wie sagtest du, das Gallion der Kogge sei eine Fee mit goldenem Füllhorn?«
»Ja, so erzählt man.«