Das letzte Warten

Schlaf, du Arzt aller Belasteten, wo bleibst du?

Malte Treß konnte nicht mehr schlafen. Er lag auf seinem Lager; bis ihm die Augen vor Müdigkeit zufielen, las er, aber er fürchtete sich, die Hand nach der Lampe auszustrecken und das Licht zu löschen. Sobald das Dunkel ihn umgab, stürzten sich die Gedanken feindlich auf ihn und nagten mit scharfen Zähnen: Kurse, Wechseltermine, Verbindlichkeiten, der Ring — Usadel.

Seine Seele wurde im Dunkel zu einem weiten Hohlraum, in dem alle Geräusche des Tages schrecklich widerhallten, vor dessen gläsernen Wänden fratzenhafte Gesichter drohend auf und nieder tanzten. Es half nicht, sie zu beschwören: Was wollt ihr? Alles ist geregelt, und was noch nicht im Gleichmaß ist, wird es morgen sein. Sie kamen und quälten und mürbten.

Also wieder Licht machen, wieder die Gedanken in die Fährte eines spannenden Buches hetzen, wieder der dumpfen Erschöpfung verfallen! Und wieder begann im Finstern das boshafte Spiel. Es mußte die horizontale Lage schuld sein; das Blut bedrängte das Gehirn. Er erhob sich, kleidete sich an und ging in sein Arbeitzimmer hinab.

Wie ein in langer Verfolgung Gehetzter sank er in seinen Stuhl. Doch die auf dem Tisch gehäuften Schriftstücke widerten ihn an. Ja, Arbeit in froher morgendlicher Frische! Doch dieses Schleppen von Seite zu Seite, dieses verdrossene Blätterwenden schaffte nichts. Der Schlag der Uhr ging durch das Gemach, der Arm mit der Hippe sank herab. Carpe diem. Ach, der nur konnte den Tag wahrnehmen, dem die Nacht den sänftigenden Mohntrank gereicht hatte.

Was war das? Schritte in der Nacht. Nicht Schritte derer, die nach Hause eilen, oder tappende Schritte später Zecher; es waren zögernde Schritte, hin und her, hin und her, Schritte eines Wartenden. Der Wächter? Nein, der ging durch Hof und Flur. Malte wußte, welche Schritte das waren.

Er zog den Mantel an und trat hinaus: es war niemand zu sehen. Malte ging auf den Markt, ging durch die Straßen, war auf der Flucht vor sich selbst.

Eine kleine Wolke hatte eine feine Schneeschicht auf die Dächer und das Pflaster ausgebreitet, zwischen weißen Wölkchen und Sternensplittern stand der volle Mond. Wie schlafende Ungetüme lagen die zackigen Schatten der Giebel auf dem weißen Straßendamm, und das Dunkel barg sich in die Pfeilernischen der Mauern. Über dem stumpfen Turm St. Jürgens spannte sich wie ein funkelnder Kronenzirkel der gelbe Lichtrand, der die Mondschale umgab, und ein bläuliches Licht spielte um die Särge im Schaufenster des Tischlers.

In der friedlichen Helle der Straßen wurde Malte ruhiger. Das Leben selbst war nicht so arg wie sein Spuk. Aber er mußte auch wieder durch dunkle Nächte wandern, Nächte, in denen die Wolkensäume über die Häuserfirste schleppten, in denen das einsame Licht auf dem Molenkopf des Hafens fast von der Finsternis verschluckt wurde und die Stimmen des Dunkels schaurig vom Meer herüberdrangen.