Pastor Thomasius war da, der feine Redner und gewinnende Mensch, der anläßlich des Todesfalls allen nahegetreten war. Als er die Geschwister begrüßt hatte, bat er um die Erlaubnis, dem Spiel lauschen zu dürfen. Er sagte nicht, daß Jörg am vergangenen Abend bei ihm gewesen war; er gab sich, als wäre er zufällig gekommen.
Seine Anwesenheit war Malte nicht willkommen. Er fürchtete, man möchte voreilig von Jörgs Plänen sprechen. Doch Thomasius' Worte verrieten nicht, daß er darum wußte, und schließlich war man hier bei ihm zu Gast.
Sie betraten den Treßschen Kirchenstuhl am Lettner, der im Volksmund der goldene Präsentierteller hieß. Er lag der Kanzel gegenüber. Der silberne Präsentierteller an der andern Seite des Altars war der Sitz der Olrogges.
Das hohe Mittelschiff war vom Sonnenlicht durchgossen. Die Säulenbündel, der buntbemalte Umgang, das hohe Chor mit dem funkelnden Altarschnitzwerk, die Barockfiguren, die in gezierter Haltung den Laienaltar umstanden, die Ambone, alles war von den fröhlichen Strahlengarben belichtet und beglänzt, die der Frühling einer blut- und tränengesättigten Erde schenkte.
Inmitten dieses heiteren Lichtspiels erschien die dunkle Menschengruppe in Trauerflor und schwarzem Tuch wie eine düstere Mahnung des Unvergeßlichen. Wären nur die strahlenden Augen Güldenfeys nicht gewesen! Thomasius, der im Hintergrunde saß, beachtete, mit welchem Entzücken diese Augen die reiche Fülle in sich tranken.
Auf dem Chor, wo die ihrer blanken Pfeifen beraubte Orgel türmte, regte sich nichts.
Malte wurde ungeduldig. »Ich hoffe, er wartet nicht auf Onkel Rolf. Ob er überhaupt hier ist?« wandte er sich an Harro.
Dieser antwortete mit einer Gebärde und blickte zur Orgel auf. In diesem Augenblick setzte das Spiel ein. Ein Schrei, vor dem die Wolken barsten, und noch einmal und noch einmal, hallend wie Gottes Stimme. Und darauf die Antwort der Gründe, aufbrausend, sich überschlagend, ein Donner in Tiefen, wo entfesselte Brände heulend die Felsenbande sprengten.
Pastor Thomasius beugte sich vor und raunte den Namen des Tonstückes. Niemand verstand ihn. Harro zog die Brauen in die Höhe. In Fraukes Gesicht, das in seiner kühlen Gelassenheit gleichgültig dreingeschaut, trat ein gespannter Zug. Güldenfeys Augen weiteten sich und wurden ganz von ihrer Seele ausgefüllt. Sie sahen hilflos drein, als das ungeheuerliche Widerspiel der Stimmen begann: das Auf und Nieder, die Empörung und ihre Bewältigung, das brausende Halleluja des Sieges.
Malte stand auf, sprach einige Worte zu Frauke. Ihm war eingefallen, daß er den Prokuristen, Herrn Häberle, mit den dringendsten Unterschriften bestellt hatte. Er hatte in bezug auf Jörg seinen Entschluß gefaßt.