Als seine Schritte verhallten, begann droben das Spiel aufs neue. Jetzt war es etwas durchaus andres. Eine schmerzliche Klage ohne heldenhaften Schwung. Die wehreiche wunde Zeit öffnete ihren Mund, das deutsche Leid tat sich kund. Güldenfey preßte die Hand gegen die Brust: alles, was sie während des verflossenen Winters empfunden, sprachen die Töne aus. Die schmerzhafte Spannung bedrängte sie. Da quoll es von andern Stimmen dagegen: O Lamm Gottes unschuldig, tröstlich beschwichtigend. Sie weinte. Plötzlich fragte sich Güldenfey: Ist das wirklich Jörg, der dort oben spielt? Ja, sie hatte ihn gehört, wenn er am Flügel saß und stundenlang phantasierte, doch dies war mehr als Spiel. Sie reckte den Kopf, doch der Spieler war von hier aus nicht sichtbar. Kurz entschlossen verließ sie das Gestühl, ging leise im Seitenschiff bis zum Orgelchor, die Treppe empor, tastete sich über Stufen bis an die Ecke des Gehäuses und spähte.
Da saß Jörg, die Arme zu den Tasten erhoben, die Augen in eine Ferne gerichtet. Er spielte, ohne auf die Noten zu sehen, und unter seinen Fingern schwoll jetzt lauter der Bittgesang an, das Agnus Dei. Eine süße Freude erfüllte sie. Sie war nie hier oben gewesen und blickte nun scheu in die Fülle der Säulen, Bogen und Wölbungen. War es nicht, als erwache unter den Klängen alles da unten, was in steinernem Schlaf ruhte, die starren Heiligenbilder, die Kapitelle und Schmuckstücke, die Grüfte in den Seitenkapellen und die gezierten Altäre? Wer so hoch, dem Licht und dem Klang so viel näher, weilte, dem mußte das Leben anders erscheinen.
Erbarme dich unser! Gib uns deinen Frieden!
Kränzten nicht die Strahlen den mißhandelten Leib des Herrn, der am Triumphkreuz über dem Lettner schwebte? Hob nicht alles, was Menschenhand drunten geformt, die Hände zu ihm empor? O ja, Güldenfey verstand jetzt ganz. Sie hatte sehen wollen, ob Jörg diese Tonfülle wirklich hervorrufen konnte, aber sie hatte mehr empfunden: sie hatte einen Blick in seine Seele getan. Langsam kehrte sie zu den andern zurück.
»Malte bittet euch, daß ihr zu uns kommt«, sagte Frauke, als Jörg die Treppe verließ und zu ihnen trat.
»War Malte auch hier?«
»Er saß bei uns. Sahst du uns nicht?«
»Nein. Ich habe niemand gesehen. Ich habe eigentlich nur für mich gespielt, Frauke.«
Sie entgegnete nichts. Harro äußerte seine Anerkennung in lauten Worten, aber Jörgs Gesicht drückte Abwehr aus. Da schwieg auch Thomasius.
Güldenfey hielt ihres Bruders Hand: »Du Lieber! — Soll ich mit euch gehen? Ich hätte wohl für Engelke noch etwas zu besorgen, aber wenn sie dich nun bestürmen ...«