Marfa hatte ihn daran erinnert, wie wenig sie verlange. Seine schon lange pochende Ungeduld hatte die Fesseln abgeworfen, er war heftig geworden. Was half es, daß sie sich ergab und demütig um Verzeihung bat! Es blieb ein bitterer Rest: Unwille über unmögliche Ansprüche bei dem einen; Trauer darüber, daß sie nicht verstanden werde, bei Marfa.
Nun lag sie Nacht um Nacht wach und sann und sann. Sollte sie ihn auch verlieren, den Einzigen, den sie noch auf der weiten Welt besaß? Oder hatte sie ihn schon eingebüßt? Der Bruch ihres Lebens, der sich nie ganz geschlossen, klaffte in ihr auf, ihre Seele blutete.
Ihre ganze Vergangenheit wurde in harter Deutlichkeit lebendig, vor allem das Entsetzliche, das sie wie eine offene Wunde mit sich trug. Dagegen half kein Vergessen.
Und dieses Haus mit seinen schreckhaften Geräuschen störte alles in ihr wieder auf: das von den Speichern rieselnde Tauwasser, die Klagelaute des Katers Murr, das Ächzen und Pfeifen der Winde, der ganze von Alter und Spuk gesättigte Dunstkreis dieses Gemäuers mit seinen düsteren Böden und Gängen und Winkeln. —
Einmal erwachte Güldenfey und erhob sich, um aus dem Fenster zu schauen. Es war eine jener Januarnächte, von denen man glaubt, daß sie nie enden, weil ihr Dunkel zu schwer auf der Erde zu lasten scheint, als daß es die ferne Sonne verdrängen könnte. In die Finsternis grub sich eine Lichtbahn, die von Marfas Fenster ausging.
Güldenfey blickte auf die Uhr; es war die vierte Stunde nach Mitternacht. Ob Marfa etwas zugestoßen sein konnte? Sie warf ihr Morgenkleid über und pochte an Marfas Tür.
Diese lag mit völlig wachen Augen da, hatte die Hände ergeben gefaltet und versuchte zu lächeln. Güldenfey erklärte ihr Kommen und fragte nach Marfas Befinden.
»Nein, ich habe noch nicht geschlafen.«
»Aber es ist bald Morgenzeit.«
»O, wenn ich nur vor dem Morgen noch eine Stunde Ruhe finde, bin ich zufrieden.«