»Aber liebes Herz!« Güldenfey kniete an Marfas Lager nieder, strich über die fiebrig heißen Wangen und liebkoste das dunkelbraune Haar, das in zwei schweren Flechten auf den Kissen lag.

»Ich wollte so gern schlafen und kann nicht.« Marfas Gesicht verzog sich wie das eines weinenden Kindes.

Güldenfeys Hände gingen beruhigend über die Stirn der Klagenden. Wie war das schrecklich! Man lag ruhig und unbekümmert Nacht für Nacht, und hinter der Wand war jemand das Opfer quälender Gedanken. Wie da alles Unwirkliche wirklich werden und jeder Gedanke sich drohend in bleichem Nachtlicht gestalten mußte! Güldenfeys Ahnungsvermögen ergründete bereits die ganze Tiefe dieser Not. »Was ist denn, Liebste?« fragte sie. »Harro ...«

»Nein, nein, nicht Harro«, wehrte Marfa ab.

»Also was? Sag' es mir, mein liebes Herz! Wenn du es aussprichst, bist du erleichtert.«

Mit zärtlichen, geduldigen Worten entrang Güldenfey es Marfa: es war die erwachte Vergangenheit, die sie ängstete. Sie hatte nie davon zu ihr gesprochen, sie fürchtete, damit die schrecklichen Gesichte heraufzubeschwören. Nun aber waren sie doch ohnedies gekommen, und Marfa fühlte, daß vielleicht das Sprechen sie erlösen könne.

Dieser Kasernensaal im obersten Stockwerk, durch dessen Fenster die Sonne während der Mittagsstunden bis in den fernsten Winkel stach! Diese rohen, betrunkenen Weiber, die den gefangenen Frauen als Hüterinnen gesetzt waren, und dieser Mann im Mantel, der nächtlich an das Tor pochte. Und Gänge ohne Ende, und Mauern ohne Tor.

»Das ist ja nun alles überwunden«, sagte Güldenfey zart. »Du bist bei uns, und nichts darf dich anrühren.«

Sie tröstete, wie eine Mutter ihr Kind tröstet; sie wußte: Hier helfen nicht verständige Reden, sondern nur Erweise völligen Hingegebenseins. Die Kälte stieg in ihr hoch, sie schlug eine Decke um ihre Schulter und blieb vor dem Lager in ihrer knienden Lage. Und Marfa wurde still.

»So,« sagte Güldenfey, »jetzt versuchen wir es noch einmal, ob der Schlaf nicht kommen will. Hier — warum hab' ich nur nicht eher daran gedacht! — ist der Amethyst mit unsrer Mutter Segen, den trägst du auf der Brust, wie schon einmal. Jeden Abend will ich zu dir kommen und ihn dir umhängen.« Sie löste das Kettlein von ihrem Hals und streifte es Marfa über, dann löschte sie das Licht und suchte ihr Lager auf. Aus dem Landhause von jenseits des Teiches ertönte der erste Hahnruf.