Haftete der mütterliche Segen so sichtbar an dem blauen Kristall, den Marfa jetzt während der Nacht und Güldenfey am Tage trug, daß er auch der Zugewanderten half? Marfa fand von nun an die entbehrte Ruhe wieder.
Nachdenklich betrachtete Güldenfey den Stein, den sie doch schon so oft beschaut. Wie weißes Moosgeflecht, das mit goldigem Gekörn bestreut war, wuchs der Bergkristall, der die veilchenfarbenen zehn Blüten trug. Wo war der geheime Sitz der Kraft, die sich dem Träger mitteilte?
An einem Abend, da Güldenfey ihn wieder auf Marfas Zimmer trug, weigerte diese sich, ihn zu nehmen. Sie sah heiter und glücklich aus. »Laß ihn jetzt wieder an deinem Herzen ruhen«, sagte sie. »Wenn ich seiner bedarf, bitte ich um ihn.«
»Aber wenn es nun heute wiederkommt?« sagte Güldenfey.
Marfa zog sie an sich und sagte geheimnisvoll: »Vor den Schrecken hat er mich nicht bewahrt, aber ich habe, seit ich ihn trug, eine seltene Kraft in mir wachsen gespürt.« Sie zog Güldenfey an sich und sprach dicht an ihrem Ohr: »Weißt du, was allem Bösen von außen in mir keinen Widerstand bot, das war das Bewußtsein meines unfruchtbaren Lebens: viel gelernt haben und es nicht verwerten können; viel erduldet haben und nicht trösten dürfen; Mutter geworden sein und kein Kind besitzen; einen Mann mein nennen und immer fern von ihm sein — ist das nicht ein Dasein ohne Frucht und Ernte? Ach, wie bitter haben mich immer meine gebundenen Hände geschmerzt! Und durfte sie doch nicht regen.«
»Ach, Marfa, wir können nicht alle so regsam sein wie Malte und Harro, und vielleicht ist das nicht einmal gut«, sagte Güldenfey.
»Nein, das ist gewiß nicht gut; aber unfruchtbar sein ist etwas andres, Güldenfey! Denke nur, hingehen müssen mit der Gewißheit: Du hast nichts vollbracht! Ich habe nicht allein an mich gedacht, auch an die vielen Helden, die im Kriege gefallen, an die vielen frühverstorbenen Kinder. Warum? Warum?«
»Ach du armes gequältes Herz!« rief Güldenfey.
»Ja, aber nun bin ich so fröhlich und dankbar, daß ich die Antwort erhalten habe. Du kennst doch das Lied, das Harro nicht leiden mochte:
Wenn ich sterbe, werden keine
Klageglocken um mich gehn ...