Das sing' ich nun nie mehr!«

Güldenfey sah Marfa überrascht an. Welcher jubelnde Ton trug plötzlich ihre Stimme! »Und das gab dir der Stein, unser Stein?« fragte sie.

»Seit ich ihn trug, bin ich ruhig geworden, und in der Ruhe ging mir auf, was mir Trost gab. War es ein Traum, war es ein Gesicht? Ich weiß es nicht. Aber ich stand drüben am Teich und sah auf das dunkle Gewölk, das den Himmel bedeckte und ahnungschwer über der Erde lag. Mit einem Male tat es sich auf wie ein großes Tor, und ein langer Zug von Erntewagen, die hoch mit Garben beladen waren, fuhr heraus. Jeden der Wagen lenkte ein Soldat, der eine Wunde trug, und kleine Wägelchen voll Frucht kamen, die wurden von kleinen blassen Kindern geführt. Der Zug wuchs und dehnte sich unabsehbar, und der Wagen waren so viele, daß es nicht zu sagen ist.«

»Und dann?« fragte Güldenfey.

»Sie fuhren alle bis zu einem Platz; dort begannen sie ihre Garben abzuwerfen. Eins half dem andern, und sie schichteten einen Ernteschober so hoch, daß ich noch jetzt nicht weiß, wie es möglich war, daß meine Augen eine solche Höhe absehen konnten. Und dann, ja, dann begannen die Körner zu rinnen, ohne daß eine Hand den Dreschflegel rührte, und sie rannen wie ein weizengelber Strom. Und allmählich ward der Fluß weiß, und ich erkannte, daß das Korn sich in Mehl gewandelt hatte. Ganz am Ende aber regten sich Hände, die formten daraus Brot, wundervolles edles Brot, Güldenfey, wie wir es heute nicht mehr genießen. Und andre Arme waren da, die reichten das Brot der Erde. Dort aber strömten die Darbenden zuhauf und empfingen die kostbare Labe und aßen und wurden satt und froh.«

Es war ganz still in dem Zimmer, als Marfa schwieg. Die Hände der beiden Frauen lagen ineinander. Nach einer Weile näherte Marfa ihr Gesicht Güldenfeys Ohr. »Mein kleines Kind hab' ich auch gesehen«, flüsterte sie. »Ich wußte, daß es meins war. Es konnte seine schweren Garben nicht abwerfen, da half ihm ein Soldat, der eine Herzwunde trug.« —

Von diesem Tage an war Marfa heiter. Sie ging mit Güldenfey in die Stadt und hatte Teilnahme für alles, was ihr begegnete. Frauke zeigte erstaunte Augen, als Marfa sie in dem Hause am Markt besuchte.


Es war Tauwetter eingetreten. Ose stand am Fenster und sah besorgt auf die Teiche, wo, unbekümmert um die Risse im Eise, die Jugend fortfuhr, auf Schlittschuhen zu laufen.

»Sie treiben es wieder so lange, bis sich der Teufel sein Opfer geholt hat«, sagte sie.