»Nicht doch, Ose!« bat Marfa.

»Ich treibe keinen Spott mit so ernsten Dingen, Frau Doktor«, sagte die Alte und wandte sich um. »Sie kennen das nicht, aber das ist gewiß, er muß jedes Jahr sein Opfer haben.« Als sie Marfas ungläubige Miene erblickte, begann sie zu erzählen. »Vor vielen hundert Jahren hat der Böse in St. Niklas rumort. Da haben ihn die Priester mit ihren Weihwedeln in den Teich gebannt. Aber bevor er untertauchte, hat er gedroht, sich jährlich einen Menschen herabzuziehen, und das hat er treulich gehalten. Jetzt haben wir schon Mariä Lichtmeß, das ist die schlimmste Zeit.«

Güldenfey holte Marfa ab, die über einem Brief an ihre Tante Honterus saß.

»Ich werde ihn später beenden«, sagte sie und erhob sich.

Der Rauhreif hatte Büsche und Bäume geziert, fern über Heilisoe ballte sich Gewölk, das Schnee verhieß.

»Ich begleite dich heute auf deiner Suche«, sagte Marfa. »Wir müssen uns wieder einmal nach Frau Jobst umtun.«

»Ach, Marfa, das ist nichts, was dir Freude macht«, entgegnete Güldenfey. »Diese Gassen in der Sachsenstadt! Und wir finden sie doch nicht. Du glaubst nicht, wie verzagt ich bin.«

Aber Marfa sprach ihr so freundlich zu, daß Güldenfey wieder Mut faßte, und sie suchten Häuser auf, in denen Güldenfey noch nicht gewesen war.

Es war vergeblich. Überall die gleiche nichtssagende Auskunft, das gleiche stumme Verneinen.

»Sie wohnt wohl gar nicht mehr in der Stadt«, klagte Güldenfey. »Aber auf den Ämtern wissen sie auch nichts.«