»Gehen Sie!« sagte Güldenfey. War es das Wort, war es ihr Blick — der Mann trat bestürzt zurück und steckte sein Buch ungenützt ein.
Endlich, endlich lag Marfa in den Kissen. Ose lief mit Wärmbecken und Teetassen ab und zu, und Güldenfey rieb und bürstete unaufhörlich das feuchte Haar. Draußen läutete es: Blumen wurden hereingebracht, Grüße gesagt. Im Vorzimmer stand Malte und wartete auf den Bescheid, ob er Harro benachrichtigen solle. Nein? Güldenfey würde ihm gleich schreiben? Gut; es war ja alles glücklich abgelaufen. Weshalb Harro beunruhigen?
»Sieh, Liebste«, sagte Güldenfey und wies ihr einen prunkenden Strauß. »Von Olrogges.«
Marfas Hand glitt zärtlich über die Blumen. »Komm nahe«, bat sie, und da sich Güldenfey zu ihr neigte: »Was meinst du, werde ich jetzt wohl auch einen Erntewagen fahren dürfen?«
»Einen großen und sehr vollen,« erwiderte Güldenfey; »doch dein Korn ist ja noch lange nicht reif.«
»Glaubst du nicht?« fragte Marfa. Und nun ging ihre fast übermütige Heiterkeit, die sie seit ihrer Tat gezeigt, in ein sinnendes Schweigen ein. —
Sie wunderten sich, daß Marfa am nächsten Tage nicht aufstehen mochte. Es hatte begonnen zu schneien; sie lag, ohne zu sprechen, und sah in die langsam niedersinkenden Flocken. Am Abend brannte ihr Leib im Fieber. Der Arzt kam und ging. Der folgende Tag brachte die Gewißheit, daß die entzündete Brust nicht mehr genug Lebenskraft hergeben konnte.
Frauke kam und stand mit weiten Augen auf der Schwelle. So sah es also aus, das Sterben! Als Marfa ihr winkte, kam sie zögernd näher und setzte sich neben dem Krankenlager nieder.
»Ihr waret alle so freundlich zu mir«, sagte Marfa leise. »Jeder wollte mir helfen, jeder mir Gutes tun. Wieviel Unleidliches habt ihr liebevoll übersehen! Ich danke euch.«
Frauke nickte und wußte nichts zu entgegnen. Wann wäre sie wohl so freundlich gewesen, daß es eines Dankes wert war! Sie hatte Marfa eine beobachtende Teilnahme geschenkt; sie wollte erkennen, wie sich die Fremde, die wie sie aus ganz andrer Lebenszone in diese Familie gekommen, mit ihrem Los abfinden werde. Das Ergebnis war für Frauke tröstlich gewesen: auch Marfa war vereinsamt geblieben. Das freilich hatte Frauke in ihrer Gleichstellung vergessen, daß die andre eine Wunde trug, von der sie, die vom Glück Verwöhnte, nichts wußte, und daß jene nach anderm verlangte als sie.