»Gnädig Fräulein,« sagte der alte Packmeister, »die Sache ist nicht mit einem Wort abgetan. Für meine Marie geb' ich alles, was ich habe, auch meine Glieder und mein Leben, wenn es not tut. Solche Ausgaben wie diese gehören aber zu den laufenden, und dafür muß der Mann sorgen. Ich habe für unser Kind gespart, daß es, wenn wir tot sind, Vermögen besitzt. Das ist mein Stolz, dafür hab' ich gelebt, und das wird mich im Tode trösten, daß unser Mariechen es einmal besser hat als ich.«

Was sollte Güldenfey darauf entgegnen? Sie kannte den Stolz Mellins. Deshalb hatte der Beamte um das Mädchen angehalten, weil er wußte, daß es in bescheidenem Sinne vermögend war; deshalb hatte Mellin die genehme Werbung zögernd angenommen, weil er wußte, daß die Ersparnis sein Kind in den Augen der Freier erhöhte. O, sie verstand ihn. Aber zugleich fühlte sie die Augen der Frau hilfewerbend auf sich gerichtet.

Sie trat an den Glasschrank, der die Wunder ihrer Kindheit barg: die verblaßten Ostereier mit den farbigen Seidenbändern, die gläsernen Hirsche und die zierlichen Schweizerhäuschen. »Mellin,« sagte sie, »wissen Sie noch, wie wir Kinder vor diesen herrlichen Dingen standen und uns freuten? Glauben Sie, es ist besser, Mariechen freut sich an diesem, wenn sie gesund wieder einmal herkommt, als daß sie siech wird oder gar der Krankheit erliegt?«

»Gott bewahr' uns!« rief die Frau.

Mellin blickte Güldenfey unsicher an. Seine Hand fuhr erregt durch den Bart. Jetzt machte er eine energische Bewegung. »Gut!« sagte er fast heftig. »Das Geld wird abgehoben.«

Warum erschrak Güldenfey plötzlich? Das Wort traf sie wie ein Stoß. Oder schlug sie ein jäh auftauchender Gedanke? Es gab so seltsam-fürchterliche Überraschungen in dieser Zeit. Wie kam ihr die Erinnerung an Frau von Ebel in diesem Augenblick? Das war doch ein ganz andrer Fall.

Sie war dem Oberst Helf gestern begegnet. Nein, er trug keine Milchkanne, aber er war sehr niedergeschlagen gewesen.

»Sie haben eine so sichere Art, wohlzutun«, hatte er nach einigen Worten gesagt. »Wollen Sie einer Bedrängten nicht helfen? Denken Sie, die arme Frau von Ebel! Man hat sie wegen ihres leidenden Zustandes in die Schweiz geschickt. Als sie nach etlichen Wochen abreisen will, sind die Fahrpreise derart gestiegen, daß das Geld für die Heimfahrt nicht ausreicht. Freundliche Schweizer leihen es ihr. Als sie nach einer Woche die Schuld abtragen will, ist der Marksturz so furchtbar geworden, daß sie ihr ganzes Vermögen gebraucht, um ihre Gläubiger zu befriedigen. Die arme Frau ist völlig vernichtet, denn sie weiß nicht, von was sie leben soll.«

Güldenfey war zu ihr gegangen. Sie hatte eine Verzweifelte gefunden. Warum mußte sie jetzt daran denken?

»Hören Sie, Mellin,« sagte sie, »bevor Sie das Geld abheben, sprechen Sie mit Herrn Konsul. Es gibt jetzt so eigne Bestimmungen.«