Jetzt wurde auch das Spitzgesicht heftig, und maßlos schalt er auf die Menschen, die seine Zeit stehlen.

Mellins Hand strich den langen Bart. »Begeben Sie sich, Herr«, sagte er hart. »Wenn Sie sich beklagen, daß man Ihre Zeit stiehlt, so vergessen Sie nicht, daß wir hier allesamt Bestohlene sind.«

»Beamtenbeleidigung!« sagte der Kassierer. »Mende, laufen Sie hinüber aufs Polizeibureau. Der Mann muß verhaftet werden.«

Unter denen, die der Abfertigung harrten, erhob sich ein Murren.

Mellin reckte sich in der Brust. »Verhaften? Mich, seit zweiundzwanzig Jahren in der Firma Treß als Packmeister beschäftigt, unbescholten, als Schöffe wiederholt tätig gewesen, vor Gericht als vereidigter Sachverständiger gestanden, desgleichen ehrenamtlich in der Gewerbekammer, im neunundsechzigsten Regiment bis zum Sergeanten gedient — mich wollen Sie verhaften lassen, weil ich fordere, was mir gehört?« Er nahm die Scheine und warf sie auf das Zahlbrett, das Buch daneben. »Hier, nehmen Sie zurück, sofort zurück! Ich will Ihr Geld nicht, ich verlange das meine. Stellen Sie den alten Stand wieder her. Mit Ihnen will ich nichts mehr zu schaffen haben, der Sie nach der Polizei schreien, sobald einer die Dinge beim rechten Namen nennt.«

Man erkannte, mit dem Manne war nicht zu scherzen; seine Fäuste waren wie Schmiedehämmer, und die andern ergriffen für ihn Partei. Die Polizei aber ...! Man beschwichtigte ihn am besten, indem man ihm den Willen tat.

Mellin steckte das Buch in die Brusttasche und verließ das Rathaus. Er ging über den Markt und trat in die Bank, wo er ohne weitere Fragen bis zu Herrn Häberle vordrang.

Häberle sah flüchtig auf, als Mellin zu ihm trat. »Einen Augenblick, lieber Mellin!«

Endlich war Häberle bereit. »Nun, Mellin?« Er rieb die arbeitmüden Augen. Was fehlte dem Alten? Er stand da, zitternd, bleich, verstört. Er wies auf den nächsten Stuhl. »Setzen Sie sich doch, Mellin. Was ist denn geschehen? Sie schauen ja aus ...«

Mellin, der stets auf Schicklichkeit Bedachte, der sich nie in Gegenwart Höherstehender gesetzt haben würde, wankte fast auf den Stuhl zu und ließ sich haltlos fallen. »Herr Häberle,« sagte er jämmerlich wie ein Kind, »helfen Sie mir doch. Man will mir drüben im Rathaus weismachen, daß ich umsonst gearbeitet habe.«