»Ihre Tochter ist erkrankt?« begann Malte, als die beiden schwiegen. Seine Stimme klang unwirklich, heiser. »Sie sollen keine Sorge um sie haben, Mellin, ich helfe Ihnen; die Angelegenheit ordne ich.«

Mellins Hand machte eine Bewegung, als schiebe sie etwas von ihm fort. »Herr Konsul ist sehr gütig, aber, Verzeihung, darum handelt es sich für mich im Augenblick nicht. Wollen Herr Konsul mir kurz und bündig sagen, ob meine Ersparnisse verloren sind oder nicht?«

»Ich fürchte, ja, Mellin.«

Es war gesagt. Was halfen nun noch Zweifel und Zögern! Mellin wendete ein paarmal die Mütze, die er in den Händen hielt, seine Blicke irrten durch den Raum. Das Schweigen war fürchterlich. »Danke!« sagte er und wandte sich um.

Er ging durch die Straßen wie ein Trunkener. In dieser Zeit, die aller Menschen Gedanken in ihren Fängen hielt, fiel der Anblick des verstörten Mannes doch so auf, daß sich viele nach ihm umwandten. Man kannte den Packmeister, man grüßte ihn. Er dankte nicht und sah keinen an. Hatte er getrunken? Er trug die Mütze schief im Nacken.

Telge, der den Wagen wusch, zeigte ein verwundertes Gesicht, als Mellin in den Hof wankte. Er streifte die Ärmel herab und ging auf ihn zu, wagte aber keine Frage, als er genauer in dies zerpflügte Gesicht blickte. Er ergriff Mellins Arm und leitete ihn die Treppe zu seiner Wohnung nieder. Frau Mellin erschien in der Küchentür, sie hatte einen Vorwurf auf den Lippen, das Essen werde kalt; doch auch ihr erstarb das Wort im Munde.

Mellin fiel auf einen Stuhl. Sie wollten wissen, was geschehen sei. Ihre Angst entriß ihn endlich seiner Benommenheit.

»Mariechen muß sterben«, sagte er heiser. »Ich kann das Geld nicht schaffen, es ist alles verloren!«

Allmählich kam es in abgerissenen Erklärungen aus ihm heraus, was geschehen war. Telge redete in kräftigen Worten, die Frau rang die Hände.

Mellin saß stumm da. Erst als sie sich um ihn mühten, fand er die Sprache wieder. Ganz verändert wie ein klagendes Kind begann er zu reden. »Laßt doch, laßt! Ich passe nicht mehr in die Welt. Ich bin groß geworden zu einer Zeit, in der es hieß: Mit Gott fang an, mit Gott hör' auf; da man uns lehrte, daß es Gut und Böse gäbe, daß man das eine üben und das andre hassen müsse. Heute gilt nur noch eins: der Götze, die Gier, der Mammon; und wer ihm nicht opfert, der ist verloren. Ich tauge nicht mehr, ich gehe weg, mache Platz für die, die klüger sind als ich, der Dumme, der noch an Gut und Böse glaubt.«