»Mann, um Gottes willen!« rief die Frau. »Versündige dich nicht!«

Er sah sie aus leeren Augen an. Plötzlich erhob er sich, seine verronnene Kraft schien in den schlaffen Körper zurückzuströmen und ihn zu straffen. Er hob drohend die Hand. »Aber ehe ich gehe, verfluche ich das, was uns soweit gebracht hat. Ich verfluche die Schurken, die die Schätze der Erde an sich reißen, um die Beraubten zu knechten. Ich verfluche die Spekulanten, die uns Brot und Rock verteuern, damit sie sich mit dem Verdienst mästen. Und Fluch, dreimal Fluch auf die, die es zugelassen haben, daß der Fleißige um seine Spargroschen geprellt wird und im Alter verkommen muß. Ist das sozial, dann verflucht dieser Gedanke, der nichts als Schwindel ist!«

Seine Stimme war wie ein drohender tierischer Laut aus Urwäldern, sein ganzes Gebaren glich einem schrecklichen Brand, dessen Flammen der Sturm jagt. Telge und die Frau hingen sich erschreckt an ihn, suchten ihn zu beruhigen. Endlich sank er erschöpft zusammen.


Das Gerücht lief um, der Packmeister sei fort. Keiner wußte, wo er geblieben war, aber jeder dachte bei sich das Ärgste und wagte es doch nicht laut werden zu lassen. Frau Mellin saß weinend in ihrer Stube: die Sorge um ihr krankes Kind, und nun der Mann!

Er hatte verweigert, zu essen und zu trinken, er hatte in dumpfem Brüten dagesessen. Als sie von einem kurzen Gang heimkehrte, war er verschwunden. Wohin? Telge hatte die Speicher und den Bodenraum abgespürt. Bei ihm stand es fest: Mellin hatte sich ein Leid angetan. Aber sein Suchen war vergebens gewesen, nirgendwo eine Spur. Man fragte, aber niemand wußte um den Vermißten.

Der Abend dunkelte herein, in Mellins Wohnung brannte während der ganzen Nacht das Licht: er kam nicht.

»Wir müssen gehen und ihn suchen«, erklärte Güldenfey am Morgen. »Sie, Telge, und wer frei ist. Ich gehe auch.«

Güldenfey suchte hilflos; sie fürchtete sich vor dem Finden, doch es mußte sein. Der Kirchenhof von St. Niklas mit seinen versteckten Winkeln neben den winzigen Häuschen, die ganz in Stille gebettet waren und um die immer ein dumpfes Dunkel war. Aber die helle Frühlingssonne leuchtete in jeden Winkel, und der Märzenwind blies hinein, und der Turm trug seine Krone aus feinstem Licht. Vielleicht der Räucherboden in Sankt Johannes! In der unermeßlichen Höhe des Dachraumes konnte sich verbergen, wer dem Leben abhold war, und die spähenden alten Frauen wußten vieles. Also dorthin!

Aber Friedchen Waterström wußte von nichts, und die andern hatten Mellin nicht gesehen. Sie standen jammernd, und Güldenfey mußte immer das gleiche wiederholen. Ja, diese furchtbare Zeit! Keiner konnte wissen, wie er noch enden würde. Dann fiel ein Wort: Der Hafen. Natürlich, der Hafen!