Güldenfey ging. Als sie an der Mauer vorüberschritt, hinter der ihr vergessener Garten lag, löste ihre Angst sich in Tränen. Welche Hand würde nun sorgsam in ihm walten? Auf den Kais standen Fischer, die die Hände in ihre weiten Hosentaschen vergruben. Sie fragte, und die Männer gaben dürftigen Bescheid. Nein, sie hatten keinen gesehen. Jawohl, sie kannten Mellin; wer würde den nicht kennen! Warum war er fortgegangen? Ach so! Ja, das konnte geschehen. Diesen Krippensetzern war nicht zu trauen. Jemand meinte, man müsse abwarten: nach drei Tagen kämen die Leichen ans Land.

Güldenfey langte um Mittag hoffnunglos zu Hause an. Sie schlich heimlich über den Hof, daß Frau Mellin sie nicht sähe, aber kaum, daß sie ein wenig gegessen, machte sie sich wieder auf den Weg. Wohin nun? In der Stadt suchte Telge. Es blieb ihr nur die Strecke gegen Westen zu, am Strand entlang.

Die kleinen Vorstadthäuser mit ihren Gärtchen lagen besonnt da. In den Bündeln welker Gräser zeigten sich jungfrische Halme, die ersten Maßliebchen waren da, und um die Stachelbeersträucher flimmerte es grün. Sollte es wirklich schon lenzen? Ach, wer konnte das glauben! Das Leben riß immer neue Lücken. Jetzt Mellin, und wer war der nächste?

Zur Schwedenschanze wollte Güldenfey, jawohl, zur Schwedenschanze. Wie eine Erleuchtung kam es über sie. Dort waren tiefe Schluchten, Gehölze und Erdfalten, und keiner kam um diese Zeit dahin. Das war so recht der Platz für Lebensflüchtige. Aber vielleicht konnte sie in einem der Häuschen nachfragen, ob man den einsam Gehenden gesehen hatte. Einer, der wie Mellin ging, fiel doch auf.

Sie trat in das nächste Haus ein und blieb im steingepflasterten Flur wartend stehen. Eine kleine Glocke lärmte unermüdlich durch das Haus. Eine Tür wurde geöffnet, eine Frau trat heraus. Güldenfey stockte das Wort: die vor ihr stand, war Frau Jobst. Sie erkannten einander zur gleichen Zeit, die Frau machte eine Bewegung, als wollte sie zurück, dann richtete sie sich kerzengerade.

»Frau Jobst?« sagte Güldenfey zaghaft und fast erschrocken. »O Himmel, wie hab' ich Sie gesucht und finde Sie nun, da ich Sie nicht suchte.«

Die andre sah sie abwartend an und erwiderte nichts. Das steigerte Güldenfeys Verlegenheit. »Sie wohnen hier. Darf ich wohl zu Ihnen eintreten?«

»Bemühen Sie sich nicht«, sagte die Frau und stellte sich abwehrend vor die Tür.

»Ihr Mann —?«

»Den muß man auf dem Kirchhof suchen.«