Die Frau schüttelte den Kopf. »Ja, daß Sie Ihr Gewissen entlasten wollen, das versteh' ich. Nicht Sie, aber ...« Sie deutete nach der Stadt. »Doch ich will nichts annehmen, nichts, auch keine Freundlichkeit. Ich bin arm, und zufrieden, wenn man mich in Ruhe läßt. Sie sind reich. Wir passen nicht zueinander. Und nun ...« Sie machte eine Gebärde, die das Gespräch beenden sollte, und ergriff die Klinke.
»Ich will Sie gewiß nicht quälen«, sagte Güldenfey zart und voll verhaltener Traurigkeit. »Nein, wenn ich Ihnen weh tue ... Aber es könnte sein, daß auch ich einmal arm bin; nicht wahr, dann darf ich wiederkommen?«
Die Frau blickte sie starr und entwaffnet an. Güldenfey neigte den Kopf zum Gruß und ging. Die kleine Glocke läutete ungestüm hinter ihr drein.
Ihr Herz lag schwer wie Erz in ihrer Brust; sie wußte nicht, was sie vorhatte, und blieb einen Augenblick überlegend auf der Straße stehen. Ach ja, die Schwedenschanze!
Als sie dort ankam, stand die Sonne schon tief. Sie schritt in die Schluchten und Gänge, suchte mit den Augen und fühlte doch, daß ihre Seele weit von ihr fort war. Schälten sich dort nicht die Bäume unter dem Druck des brausenden Saftes? Hing es nicht im Birkengeäst wie eine Verheißung, und zogen nicht reihende Enten durch die Luft? Von fern kam der heisere Ruf der Reiher. Sie nahm das alles wie im Traum wahr. —
Dort! Güldenfey schrak zusammen. Dort unter dem Geäst niedriger Tannen, dicht an den Boden gedrückt, lag es dunkel und geballt. Ein Mensch? Nein, ein Bündel von irgend etwas Menschlichem, das ausgeworfen, verloren, vergessen sich hier verkrochen hatte. Sie blieb stehen, von Grauen geschüttelt. War er das? Sein langer Bart, seine Kleidung? Sie konnte nichts erkennen, denn vor ihren Augen bewegte sich ein Flimmerspiel.
Das Etwas rührte sich nicht. Der Reiherruf kam wieder vom Wasser her. Da erwachte Güldenfey, das Erbarmen war mächtiger als die Starre der Furcht. Sie trat näher. Ja, er war es. Leise rief sie: »Mellin!« Dann lauter, zuletzt wie in Angst: »Mellin!« Da rührte er sich.
Gottlob, er lebte. Und schon kniete sie neben ihm. Er hob den Kopf. O, dieses Gesicht! Der Tod hatte ihn nicht genommen, doch er mußte durch alle Grade des Sterbens gegangen sein und furchtbar gelitten haben.
»Mellin, was für Sorgen haben Sie uns bereitet!« sagte Güldenfey.
Er blickte sie abwesend an; nichts verriet, daß er sie erkannte.