Der Saal war gefüllt, sie standen an den Wänden und in den Gängen und warteten geduldig. In dem schwachen Kerzenlicht fühlten sie sich schon in ausruhender Geborgenheit, und der Atem der Erwartung durchdrang den hohen Raum. Dann kam Jörg. Er trat nicht auf, sondern ging schlicht zum Pult und grüßte die Lauscher mit natürlicher Bewegung.

»Es freut mich, in meiner Vaterstadt zum erstenmal meine Kunst ausüben zu dürfen«, sagte er. »Aber diese Freude wäre nicht völlig, wenn ich Ihnen damit nicht ein Geschenk machen dürfte: ich möchte Sie ein wenig aus dem sorgenvollen Dasein führen.

Es gibt in Flandern alte Städte, um deren Dome und prächtige Gildehäuser immer eine leise Angst und Bangnis ist. So ist auch die große Stadt, die wir Zeit nennen, voll von Ängsten um unser Bestehen, und die meisten sagen, das ist die Wirklichkeit. Die Fieber unsers Blutes erregen uns so, daß wir den großen Pulsschlag des Ewigen nicht mehr vernehmen. Aber glauben Sie mir: das Wirken des Geistes ist allein die Wirklichkeit, und unsre Ängste, Bekümmernisse und Sorgen, das ist nur spukhafter Schein. Folgen Sie mir aus dem Scheinhaften in das wirkliche Leben, und Sie werden glücklich sein.«

Das Cembalo sang in leisen silbernen Tönen, freundlich und heiter wie eine fröhliche Kinderstimme. Ist es wirklich nicht wahr, daß die Sorgen unsrer Tage und Nächte, denen alle diese willenlos überliefert sind, das Wirkliche darstellen? dachte Güldenfey. Liegt das wahre Leben doch jenseits des Täglichen, das mit seinen Geräuschen unser Blut beunruhigend füllt?

Sie blickte in die Gesichter der ihr zunächst Sitzenden; ihr schien es, als glätte sich alles, was ihre Züge verhärtet hatte. Sie hörten freilich nur eine feine Musik, aber in ihnen klang das gesprochene Wort nach, das die Töne zur Brücke gestaltet hatte.

Eine Frauenstimme sang ein Lied, das Jörg geschrieben und vertont hatte. Die Sängerin war mit ihm gekommen, und Wort und Ton gingen wie Sterne über die Stadt der Zeit.

Ein Paar blasse Hände lagen in einem Schoß. Sie hatten unruhig gezuckt und wurden nun sanft und gelassen. Ein Mund war hart verschlossen gewesen, als Jörg gesprochen, er war jetzt halb geöffnet wie bei einem Marmorbild, dem der Bildner die Gebärde andächtigen Lauschens verlieh. Stand der Mann vor einem Feuer und schaute im Spiel der Flammen etwas Unsagbares, Fernes? Etwas, das in der Brust dieses Menschen seit vielen Jahren das Lachen verkrampft gehalten, löste sich.

Als die Orgel zu spielen begann, blickte Güldenfey nach der Tür. Eine Frau in glatt gescheiteltem Haar — war das nicht Frau Jobst? So war auch sie gekommen, spät, um nicht bemerkt zu werden. Sie preßte sich in den Schatten des Pfostens, sie wollte verborgen bleiben. In Güldenfey jubelte etwas, doch sie schaute zur Seite, um die Scheue nicht zu vergrämen.

Der erste Teil war beendet. Jörg trat wieder an das Pult. Er sprach davon, daß das Reich, in das er seine Freunde führe, allen unverlierbar bleiben müsse; sie hätten auch ohne die Musik täglich freien Zutritt zu ihm, denn sie trügen es in sich. »Jeder Mensch trägt das wirkliche Reich des Ewigen in sich wie ein Bild in der Mauernische, doch wir sitzen wie gewinnhungrige Bettler auf den Schwellen fremder Häuser, sorgen uns um Schmutz und Staub der großen Straße und vergessen, daß ein Wind die Düfte unsrer Blütenbüsche verstreut. Von der Heimkehr zu uns und dem Reich, das in uns ist, sollen jetzt die Töne zu euch reden, meine lieben Freunde.«

Ach, wie sie redeten! Da und dort hob sich scheu eine Hand zu den Augen, um die nassen Lider zu trocknen. Nun das Erstaunen vor dem Neugearteten in ihnen verwunden war, ruhten sie aus, und verdorrte Brunnen begannen zu fließen. Türen gingen leise auf, und sie wunderten sich, was alles so lange verborgen war. Träume sprachen, und sie sahen in der Ferne das Gesicht Gottes, das nicht die Härte trug, von der die Menschen immer fabelten.