Wie war es möglich, daß Jörgs Hände den großen Frieden über diese Mühseligen und Beladenen strömen lassen konnten, diesen Frieden, der schwere Lasten in einem Seufzer löste!

Ja, Jörg spielte mit einer Hingabe, wie er sie noch nie in seinem Leben verspürt. Als ob seine Seele in seine Hände floß, so war es. Es war ihm seltsam ergangen. Während er gesprochen, war es in der dämmerigen Tiefe des Saales plötzlich wie eine Erscheinung vor ihm aufgetaucht: unter der Orgelempore ein Gesicht, das sich aus der Menge weißleuchtend hervorhob. Er hatte immer auf dieses Gesicht blicken müssen.

Malte! Er konnte ihn nicht erkennen, doch er wußte, daß er es war. Der erste Kaufherr der Stadt im Konzert der Armen. Regte sich etwas in ihm, was trotz seiner überragenden Stellung von der großen Armut in seinem Inneren zeugte? Eine Rührung hatte Jörg gepackt, ja, das war die größte Armut: einsam im Glanz frieren. Er spielte nur für ihn. Und ob Malte vorgab, die Sprache der Töne nicht zu verstehen — was diese beseelten Klänge sagten, würde er begreifen.

Ehe Jörg das vorletzte Stück begann, sah er noch einmal auf: das bleiche Angesicht war noch da, aber er sah es nicht mehr, wie es ihm zugewendet war, sondern von der Seite, als neige es sich einem zu. Dann war es verschwunden, und Jörg entdeckte es auch nicht, als er zur Empore schritt, um zum Schluß die Orgel klingen zu lassen. Genug, Malte war gekommen.

Der letzte Ton verhallte. Die Zuhörer blieben auf ihren Plätzen. Jörg trat noch einmal vor und sprach einige abschiednehmende Worte. Dann erhoben sich zögernd einige und schickten sich an, den Saal zu verlassen. Aber sie schritten durch den Mittelgang bis zur Standbühne vor, blieben vor Jörg stehen und sagten ein Dankwort. Und die andern folgten. Es begann ein Zug an ihm vorüber, und alle schenkten ihm einen freundlichen Blick. Das war der Dank der Armen: kein rauschender Beifall, kein lärmender Zuruf, aber ein stilles Grüßen und Neigen. Jörg hätte sich keinen besseren Dank gewünscht.

Als er neben Güldenfey heimschritt, legte er seinen Arm in den ihren. Sie traten in das Haus am Markt, daß er sich von Malte und Frauke verabschiede, denn er wollte in der Frühe des nächsten Tages reisen.

Aber Malte war nicht da, obgleich Jörg sich angesagt hatte, und Frauke war seltsam kühl und zerstreut. Ja, Malte war fortgegangen, war wiedergekehrt und aufs neue gegangen; vielleicht war er im Treßhof, sie wußte es nicht.

Verargt sie es uns, daß wir sie ausschlossen? dachte Güldenfey. Doch sie hing dem Gedanken nicht nach; sie fand es auch nicht auffallend, daß Malte im Treßhof nicht mehr erschien. Sie hatte so viel Grund zur Freude und wollte das Zusammensein mit Jörg auskosten.


Malte hatte im Schatten des Orgelüberbaues gestanden und gelauscht. Unerklärliches hatte ihn hergetrieben. Nun kam die feierliche Ruhe auch über ihn, und dies Ausruhen war schöner als die schweigsame Stille, die er auf seinen nächtlichen Gängen genoß.