»Es gibt viele, die arm aus dieser Zeit hervorgehen«, sagte er.
Aber Frauke hob nur die Schultern und schwieg. Armut war ihr ein nicht auszudeutender Begriff.
Er war wieder allein, nachdem er die kühle Hand zur guten Nacht geküßt. Sollte er sich jetzt dem Dunkel ausliefern? Nimmermehr. Er ging hinunter und entflammte das Licht über seinem Arbeitplatz. Wieder kam die Osternacht herauf, und in sein Sinnen stieg die Erinnerung an die Festrüste des vorigen Jahres. Da hatte er auch hier gesessen und auf die Schritte vor den Fenstern gelauscht. Damals war er auf der Schwelle fremder Not gestanden, hatte in die dunkle Kammer geblickt; heute ... War da eine Beziehung? Es gab so rätselhafte Zusammenhänge in diesem wunderlichen Leben.
Malte fühlte, wie seine Stirn feucht wurde. Er stand auf und trat an sein Bücherbord. Ein zierliches Bändchen blieb in seiner Hand. Faust. Ach ja, Jörg hatte ihm das Buch zur Weihnacht verehrt, und er hatte es unbedenklich zwischen Handelsrecht und Warenkunde gepflanzt. Nun, warum nicht Faust!
Er schlug auf und las:
O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal auf meine Pein.
Weiter, weiter bis zur Erlösung. Gewißheit einem neuen Bunde? Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder? Malte schloß das Buch, die Erde hatte ihn noch gar nicht losgelassen, sie sog sich an ihm fest. Wie fern das klang, wie unendlich fern!
Es galt jetzt, sich mit den irdischen Hemmungen abzufinden, ruhig und klar abzuwägen, denn in ihm klaffte ein schrecklicher Zwiespalt: Weg zur Rechten und Weg zur Linken, aber wo lag das Heil? War das schon ein Zerbröckeln der Kraft, daß er zögerte rechts oder links?
Ach ja, am Bühnenhelden tadelte man, wenn er nicht wußte, was er sollte: Schwächling. Und doch war das Heldentum dieser Erde nichts als ein Ringen mit Zweifeln, ein Vergehen in qualvoller Ungewißheit.