»Wie wenig du mich doch kennst!« Frauke scheint ganz gelassen, ganz kühl, ihre Augen blicken etwas spöttisch und sind grau wie Meerwasser, das vom Wind bewegt wird. Aber in ihrem Inneren ist eine Flamme entzündet, unter deren Ansturm ihre Brust mühsam ringt. »Wie wenig du mich doch kennst, Malte Treß!« wiederholt sie bebend. »Meinst du wirklich, ich hätte dich genommen damals in Harvestehude, wenn ... ohne daß ich dich geliebt hätte? Nein, nein! Aber die Liebe hat mir freilich jemand genommen: du; und das konnte ich dir nicht vergessen.«
Ist das noch Kälte, oder ist es verhaltene Leidenschaft, die unter ihren Worten klingt?
»Und da wir nun voneinander gehen, kann ich es dir auch sagen, wie es kam, nicht um mich zu rechtfertigen, sondern damit du einsiehst, was deines Unglücks Grund ist. Ich liebe nur den Mann, der darstellt, was er seinem Wesen entsprechend ist, Männer wie Jörg, die ihren innersten Beruf erkennen und sich durchsetzen. Du aber wolltest immer anders erscheinen, als du warst, du wolltest mehr sein, als du bist, immer ein wenig Poppelmann, immer etwas neuzeitlicher Mensch. Du heißt Treß und warst zu besonderem Handeln verpflichtet, doch das war dir nicht genug. Wohl weiß ich, du tatest das, um mich zu gewinnen, und du ahntest nicht, daß du dich dadurch von mir entferntest; denn wenn wir Poppelmanns auch nicht eine so alte Familiengeschichte besitzen wie ihr, wir schätzen darum doch nur, was echt ist.«
Er starrt sie an und weiß nichts zu entgegnen. Er berührt die Hand, die sie ausstreckt, und senkt die Augen. Er hört das Klingen ihrer Armreifen, das seidige Rauschen ihrer Kleider; die Fäden des Perlvorhangs klirren hinter ihr aneinander: er weiß, daß sie ihm verloren ist. —
Frauke steht im Zimmer und überschaut ihre Koffer: dies soll ihr gesandt werden und dies; und jenes nimmt sie mit sich. Morgen ... Sie hält in ihrem Hin- und Herschreiten plötzlich inne. Es wird eine Leere morgen hier sein, die er schmerzhaft empfindet. Sie rafft sich zusammen: es wird auch für ihn ein Übermorgen geben, und er wird vergessen.
Sie wendet sich um, als sie eine Bewegung der Tür wahrnimmt, denn sie erwartet Telge. »Güldenfey? — Es ist gut, daß du kommst, Güldenfey; ich wäre am Treßhof vorgefahren, dir Lebewohl zu sagen. Ich will ...«
Ist es nötig, das auszusprechen? Die strahlenden Augen Güldenfeys sind ganz verändert, voll Dunkel und Schweigsamkeit und reden doch so laut, daß Frauke, die überlegene, ihrer selbst so sichere Frauke, den Blick senkt.
»Du willst fort? Jetzt willst du fort?«
Frauke bejaht. Sie wappnet sich mit Trotz. Will diese Junge, die nichts von Männern und von der Ehe weiß, ihr Vorhaltungen machen und sie meistern? Sie wendet sich ab, spricht ein paar abgerissene Worte, in denen sie ihren unabänderlichen Entschluß kundtut, ballt den Verdruß der letzten Wochen, den sie in sich aufgespeichert, zusammen und schleudert ihn von sich.
Güldenfey erwidert nichts, ihr Blick wird nur um einige Schatten dunkler. Habe ich mich in Frauke doch geirrt? Las ich die Schrift nicht recht, wenn in kurzen Augenblicken ihre Seele offen vor mir lag? ... Aber sie, die in allem Gottes Odem spürt, findet auch jetzt das Rechte.