»Ich danke Ihnen, lieber Häberle.« —

Häberle geht, jetzt ist er allein. Abschließen? Warum? Es wird niemand kommen. Malte betritt sein Zimmer und läßt sich nieder. Die Uhr klingt, der Arm mit der Hippe sinkt: carpe diem! Malte stöhnt leise auf.

Ssssiii — — jüh! fährt es über den Markt, verfängt sich in Kaminen und Schloten und hohnlacht zwischen den Giebeln. Draußen tobt die See, und zorniger Geifer flockt von ihren Kiefern, man schmeckt den salzigen Odem bis hierher. Der fliegende Holländer jagt mit vollen Segeln vor dem rasenden Sturm. Wird nicht endlich der Kiel der Kogge auf knirschenden Sand laufen und das bis zum Bersten geladene Schiff brechen? Wie sagte Ose? Er steuert in das wildeste Gebraus hinein, er will den Untergang, den Tod, die Erlösung.

Ach, er kennt die Sage von Balzer Treß zur Genüge, wie oft hat Ose sie dem aufhorchenden Knaben an stürmischen Abenden erzählt! Aber nie bis heute hat er gewußt, daß zwischen jenem und ihm geheime Fäden sich spannten, daß Balzer ihm unbewußt Vorbild war: der Drang, das Haus Treß zu altem Glanz zu erheben; die Jagd hinter der Glücksgöttin her; die Sorge um das Sichverlieren und den Heimweg. Wo ist der Weg nach Heilisoe?

Alles wiederholt sich, alles. Die Spindel, um die das Leben kreist, ist so eng. Wer aber wagt ihm zu sagen, daß er unrecht tat? Harro? Frauke? Onkel Rolf oder die Poppelmanns etwa? Sie alle, wären sie an seiner Stelle gestanden, hätten nicht anders gehandelt als er. Entscheidend allein ist der Erfolg, das Glück, den Heimweg zu finden.

Ssssiii — — jüh! Wer dem Sturm verfällt, der ist verloren, wer den Kurs verliert, der muß irren und zugrunde gehen. Aber die Glücklichen, die ihm entrinnen, die preist die Welt und feiert sie als Helden! Ich, Malte Treß, bin unschuldig an dem, was unserm Haus widerfuhr, jawohl, unschuldig!

Er hat es laut gerufen, und wie zur Antwort prasselt es draußen auf das Pflaster nieder, als habe eine Riesenfaust das Dach abgedeckt und werfe die Last sprühend auf den Markt. Malte fährt zusammen, doch nicht im Schreck über das Geräusch. Von außen und aus allen Winkeln des Zimmers klingt ihm das Echo seines letzten Wortes entgegen: Unschuldig, wirklich unschuldig? Der Mann mit der Hippe ruft es, und sein Schreibtisch ruft es und die Bücher, und alles hat plötzlich Augen und starrt ihn seltsam an: Unschuldig?

Ist da nicht Frauke? Er vernimmt ganz deutlich ihre Worte: Ein andrer wolltest du sein als du bist. Steht dort nicht die Frau an der Tür, die Frau in ihrem zerknüllten Anzug? Und Usadel? Wahrhaftig, das ist Usadel, das kaltblütige Geschöpf, das nicht lächeln kann, in dessen Hirn tausend Feuerfunken kreisen, die eine Welt in Brand setzen. Und alle stehen sie da und zeugen wider ihn: Du hast deine Art nicht gewahrt! Du hast die Ehrenschuld deines Hauses nicht abgetragen! Du hast gegen dein besseres Wissen geschwiegen, als ich die Lästerung gegen Gott und Menschheit ausstieß — und rühmst dich deiner Unschuld?

Malte hebt beide Hände abwehrend, schützend — es nützt ihm nicht. Aus der Tiefe seines Inneren kommt eine Antwort, vor der es kein Entrinnen gibt, und sie sagt nur das eine Wort: Mitschuldig!

Plötzlich fühlt er es in unheimlicher Deutlichkeit: Ja, ich bin mitschuldig. Mitschuldig nicht, weil ich die Not verursacht, sondern mich fern von ihr hielt; mitschuldig nicht, weil ich den über das Volk hereinbrechenden Jammer heraufgeführt, sondern mich durch das Glücksverlangen betören ließ, am Seil der Unredlichkeit mitzuziehen. Der gerechte Richter wird uns einmal nicht verurteilen nach dem, was wir taten, sondern nach dem, das wir unterlassen haben.