Was Güldenfey in der Stunde durchlebt, da sie abschiednehmend den Steig des vergessenen Gartens auf und nieder schritt — keiner hat es je erfahren. Tausend farbige Blumen voll Duft waren im Werden begriffen, aber sie sollte keine von ihnen mehr pflücken und in die Häuser der Armen tragen, daß sie ein wenig Freude darböten. Ja, der Abschied von dem vergessenen Garten war das schwerste! Ihr hilfreiches Denken und Planen war von hier ausgegangen, hatte sich hier als heimlicher Same in die Erde gesenkt und Frucht getragen, hundertfach und tausendfach!

Harro hatte geraten, daß sie ihn nicht wiedersehe, aber ... nein, das verstand Harro nicht. Sie hatte sich die Stunde ungestörten Alleinseins zwischen den alten Mauern ausbedungen. Sie wollte die Schwere des Opfers, das ihr diese Preisgabe war, auskosten. Alle trugen und litten, sie aber sollte mit Jörg in ein fruchtbares Leben gehen; sie forderte ihren Anteil an dem allgemeinen Leid, dessen Härten sie nicht wie die andern empfand.

Nun ging sie zwischen den Beeten auf und nieder und sann. Es würde hier anders werden, ganz anders. Bauende Hände würden schaffen, was sie für nützlich hielten, und im Hochsommer würde um die Mittagszeit der Würzduft der Suppenkräuter zwischen diesen Mauern aufsteigen.

Doch vielleicht gefiel gerade dieser Geruch den alten Männern dort oben, die verdämmernd auf der Kante ihrer Lagerstatt saßen, besser als der Blumenduft. Und in den verwitterten Fräulein, die um den Abend ihre Fenster öffneten, ihre Wanduhren aufzogen und von den Veilchenwochen ihres Lebens träumten, weckte wohl der Duft der nützlichen Gewächse auch Erinnerungen, die ihnen lieb waren.

Das war die große Gnade, die Güldenfey zuteil geworden, daß ihre Gedanken immer den Weg in sonnige Hellen fanden. Sie blieb an der Pforte stehen und blickte träumerisch über den geliebten Fleck Erde. Nie wieder, nie wieder! Doch das Bewußtsein schnitt nicht mehr wie ein scharfes Messer. Als sie abgeschlossen hatte und den Schlüssel in die Tasche steckte, war nur noch ein freundliches Lächeln da und war ein Dank an die Erde, die sie so oft froh gemacht hatte.

Als sie den Treßhof erreichte, sah sie gerade, wie Telge die alte Wohnstatt verließ. Er trug sein Bündel unter dem Arm. An der Torfahrt blieb er stehen und sah zurück. Dann spie er heftig von sich. »Daß du die Motten kriegst!«

»Aber, Telge,« sagte Güldenfey, »Sie wollten doch nicht gehen, ohne mir Lebewohl gesagt zu haben!«

Telge war erschrocken, dann faßte er sich. »Doch!« sagte er voll Trotz.

»Aber warum? Habe ich ...«

Sie hielt inne, da sie bemerkte, wie ein gewaltsames Zucken durch sein bärtiges Gesicht spielte.