Sie erfuhr von Ose, daß Jörg und Harro im Beratungzimmer seien, und ging hinab. Die Brüder standen betrachtend vor den alten Bildern, vor Behrend Treß, dem Oberst des Gyllenstiernaschen Regiments, und vor Karl Heinrich, dem Major bei den Bohuslenschen Schützen.

»Ob die alten Herren nicht auch manche Schlappe im Leben erlitten, wie jetzt wir?« fragte Harro. »Sie schauen wie echte Treß drein, die darum den Kopf nicht hängen lassen, sondern frisch das Leben bei einem andern Zipfel packen. Ja, die äußeren Dinge lassen sich alle meistern, Jörg; aber es gibt andre ...«

Er wandte sich um und sah Güldenfey, wie sie die Treppe herabkam.

»Güldenfey ist unser Treßsches Gewissen, vor der darf man die feinsten Bedenken aussprechen«, fuhr er fort. »Ich wollte sagen, es gibt Erinnerungen, über die kommt man einfach nicht fort: der Soldat, den ich auf einer Streife abschoß; Malte, der hier unter der Last der Verantwortung saß, und den ich noch kränkte. Und dann Marfa, vor allem Marfa. Jetzt, da wir das Haus räumen, wo ihre verängstete Seele trauerte, fällt es mich hart an, wie wenig ich ihr gab. Und hatte sie doch lieb!«

»Vorbei, vorbei!« sagte er nach einer Weile und schüttelte sich, als wolle er die Erinnerungen gewaltsam von sich lösen. »Ein Neues liegt vor uns: wir bauen einen neuen Staat, nicht wahr, Jörg?« Seine Hand legte sich stark auf Jörgs Schulter.

»Ach, Harro,« entgegnete dieser, »vergiß nicht das Eine, was not ist. Wir bedürfen neuer Staaten, neuer Wirtschaftsweisen und neuer Religionen nicht, aber wir bedürfen des neuen Menschen. Haben wir den, so wird alles andre von selbst kommen. Doch von dieser Aufgabe wollen die Weltverbesserer nichts wissen, und darum bleibt ihre Arbeit Stückwerk.«

»Du hast recht«, sagte Harro. »König Midas bekam Eselsohren, weil er die Musik der menschlichen Flöte, nach der sich alle drehen, schöner fand als die Töne der göttlichen Harfe. Ach, zuweilen erscheint es mir, als trügen die meisten Menschen die Eselsohren der Verblendung.« —

Noch eine schwere Stufe mußten Jörg und Güldenfey auf ihrem Abschiedsweg überwinden, als sie in den Heiligen Geist gingen, um Engelke zum letztenmal die Hand zu reichen.

Engelke war klein und gebückt geworden. Ihr Gesicht sah verschrumpft aus wie der Winterapfel, den man um Ostern in einem Winkel der Lade entdeckt. Sie sagte wenig, sie blickte von einem ihrer beiden Besucher zum andern, als wolle sie sich das Aussehen der beiden unvergeßlich in die Seele prägen. Sie hatte sie nicht unter ihrem Herzen getragen, aber ihr einsames Magdtum hatte diese Kinder mit einer starken Mütterlichkeit umfangen, und da sie ihnen diente, lange und treu, hatte sie ein Anrecht auf sie erworben. Nun wollten sie in unausdenkliche Fernen ziehen. Wie unfaßbar doch Gottes Wege sind! Erst mußte sie den Treßhof verlassen, nun stieß es die Jungen gar aus der Stadt.

Engelke sah auf das Neue Testament, das aufgeschlagen vor ihr auf dem Tische lag, und Güldenfey verstand ihre Gedanken.