»Wir kommen im nächsten Sommer wieder, Engelke«, sagte sie. »Und bedenke, wir sind ja nicht weit. Einen Tag Bahnfahrt! Und du tröstest dich doch auch deines Gottes, der über allen Sonnen ist.«
»Da irrst du, Kind«, sagte die Alte streng. »Gott ist immer bei mir. Jawohl, hier in dieser dürftigen Altersstube ist er.«
»Und unsre Gedanken, sind die nicht um dich?« fragte Jörg.
Engelke wiegte den Kopf. Sie mochte nicht sagen, daß die guten Gedanken aus der Ferne nicht genügenden Ersatz für den Verlust boten.
»Als wir dich hierherbrachten, Engelke,« sagte Güldenfey, »da gingen Jörg und ich nach Heilisoe. Dorthin wollen wir morgen auch fahren, uns noch ein paar Tage des jungen Sommers freuen und dann das Haus dem neuen Besitzer übergeben.«
Engelke nickte und blickte Güldenfey bedeutsam an. Ja, man mochte sprechen, was einem nur in den Sinn kam, vom Abschiednehmen wurde jedes Wort durchtränkt. Sie erhoben sich.
Und als sie durch den Säulenhof schritten, stand die Alte gebückt und mit schlaff herabhängenden Armen in ihrer Tür und sah ihnen ein letztes Mal nach. Sie schluchzte nicht, sie weinte nicht, aber sie fühlte das Schwert durch ihre altersmüde Seele gehen.
Spuren der Sturmflut tilgt die Zeit von Häfen und Gärten; Leidspuren wischt sie von den Angesichtern der Menschen. Auch Heilisoe wies kaum noch etwas von den Beschwerden eines mehr als harten Winters auf, als der nordische Sommer es zu zieren begann. Zwar erschienen die Dünen noch wilder zerklüftet als bisher und trugen Risse, Narben und Falten wie ein hundertjähriges Greisenantlitz. Und neue Steine waren aus dem Erdreich gebröckelt und zu Strand gestürzt, freuten sich des Lichts und lauschten den Erzählungen des Windes und der Wellen von Geißeljagden zorniger Sturmtage und schwimmenden Tangwiesen draußen auf der See, um die stumme Fische auftauchten.
Ja, es war ein wenig anders geworden auf Heilisoe. Aber das übersah man bald, denn der fröhliche Wuchs überkleidete alles. Der kriechende Wacholder sproßte wieder, die stachligen Ölweiden schimmerten blank, der Ginster begann goldig zu knospen, und die Rose des Tals blühte. Und vor allem: die einzige Bläue, die das Eiland umgab, hatte sich wieder aufgetan, die Meeresbläue, die eine ganze Klangfolge vom Lichtgrün bis in das dunkelste Violett durchlief, erdhaft durchblutet, von unerforschlichen Gründen angedunkelt; und die Himmelsbläue, von Gold und Milch durchmengt, aufquellend und doch unbewegt und voller Ahnungen.