Jörg und Güldenfey hatten sich ein wenig vor diesen traumschweren Tagen auf Heilisoe gefürchtet. Sie waren zu innig mit diesem Eiland des Heils verwachsen — wie schwer mußte der Abschied von ihm fallen!
Doch es war anders. Jetzt, da sie keine Fußbreite Landes von der Insel mehr besaßen, war sie ihnen nicht Verlust, sondern ein Ziel. Sie hatten den großen Frieden der Insel, der höher war als das Treiben der lauten Welt, bisher empfunden als etwas, das ihnen zustehe. Nun erkannten sie, daß es Erringenswertes sei.
»Der Weg nach Heilisoe, den Balzer Treß suchte, ist das Heimweh«, sagte Jörg. »Wir werden es auch lernen müssen, Güldenfey, aber es wird uns nicht in langes verzweifeltes Suchen hetzen, denn wir wissen, wo unser Eiland liegt.«
Sie klommen durch die schmale Schlucht hinter der Svantewitbucht aufwärts. Droben empfingen sie blaue Glockenblumen unter niedrigem Gebüsch, vor ihnen aber stürzte in jähem Fall die narbige Dünenwand zur schäumenden See hinab. Sie sahen stumm und ergriffen zu, wie der Feuerball, der unsrer Erde Leben gibt, in das Meer tauchte. Dann wandelte sich der Himmel in eine blaßgrüne Fruchtschale, an deren Rand sich purpurnes Gewölk sammelte.
Und hier begann Jörg zu Güldenfey von den Aufgaben des Lebenskreises zu sprechen, den sie beschreiten wollten. O, er hatte ihr schon oft davon gesprochen, doch immer wieder fand er einen neuen Ausdruck dafür. Ja, die Jugend wollten sie sammeln, die nach der Bitternis dieser Zeit ihre Wurzeln tief in das Erdreich grub, um edle Früchte für die Zukunft zu reifen.
»Sieh, Güldenfey, das ist der Segen dieser Zeit«, sagte er. »Sie wollten uns arm an äußeren Dingen machen und haben es ja auch erreicht, aber sie weckten zugleich die schlafende Empfänglichkeit der Seele, das, was man geistige Armut nennt. Und das wird unser Heil sein.«
»Sind denn aber auch leiblich Arme in deiner Stadt?« fragte Güldenfey besorgt. »Du weißt ...«
Er ergriff fröhlich lachend ihre Hände. »Ja, ja, ja! Arme sind überall, und du sollst ihrer pflegen. Du und ich, wir wollen Gottes Reich bauen. Denn Gottes Reich ist nichts als Gott selbst mit seinem Reichtum, und es schaffen, heißt, das Göttliche auf der Erde darstellen.«
Als die Erde den letzten Tropfen des himmlischen Glanzes aufgeschlürft hatte, gingen sie heim, kamen über das weiße Feld der Wanderdüne, wo der Sand junge Föhren erstickte und sich vom Weidengeflecht der Faschinen nicht hemmen ließ. Eine Stätte des Todes? Nein, wo es wandert, ist Leben, wenn auch das regsame Element nur dürres Gekörn ist. —
Diese Morgenfrühe des letzten Sonntags auf Heilisoe!