»Und habe ich sie dort untergebracht, dann fahren wir nach Heilisoe«, sagte Güldenfey. »Du sollst ein paar Ferientage haben, Jörg, du siehst angestrengt aus. Wir beide streifen durch die Insel, und wenn wir bei den verlorenen Steinen unter den Klippen sitzen, erzählst du von deiner Arbeit.«

Die kleine Kapelle von St. Annen und Brigitten war ein Rosenhag. Gelb und weiß und rosa und blutrot lag es auf dem Altar, wand es sich um Sessellehnen und Empore, quoll es aus Gläsern und Behältern. Konnte der Garten Güldenfeys diese Fülle von Rosen hergeben?

Sie lächelte, als man sie fragte. Die Herkunft der Rosen war ihr Geheimnis. Die Schwester, die Harro heut verbunden wurde, sollte durch eine Wolke von Duft in das neue Leben schreiten.

Frau Honterus saß wie im Traum unter denen, die des Paares harrten. Sie hatte eine Heimat bei Verwandten im Süden des verstümmelten Deutschland gefunden, die Kinderlose würde das Kind hier zurücklassen, mit dem sie gemeinsam den bitteren Bodensatz des Lebens getrunken. War es Glück? War es eine neue Stufe in tränenschwerem Läuterungsweg? Sie sahen alle so fremd darein, diese nordischen Menschen. Freundlich waren sie, und keiner stand hinter dem andern an Beflissenheit zurück. Und doch! Eine sorgende Angst stieg wieder in ihr auf. Da sah sie, wie Güldenfey ihr zunickte. Ja, es würde alles gut werden.

Nun zog das Paar ein. Jörg blickte etwas unruhig zu der alten Orgel empor, die sich mühte, mit ihren pfeifenden Lungen und verstaubten Zungen einen fröhlichen Hymnus anzustimmen. Aber der Anblick des bräutlichen Paares fesselte ihn so, daß sein Ohr die Kränkung schnell verwand. Wie gingen die beiden heiter durch den Gang, der mit Blumen und Sonnenlichtern bestreut war! Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; dein Volk ist mein Volk; wo du bleibst, da bleibe ich auch! Selbst Frauke hob das Tüchlein an ihre Augen, und Malte, der heute die Abzeichen seines Konsulamtes trug, wurde unruhig, als Pastor Thomasius seine Rede begann und mit warmen Worten an verborgene Saiten rührte.

Jörg mußte lächeln. Güldenfey saß so hingegeben da, als erlebe sie ihre Vermählung voraus. Ihre Blicke hingen mit dem Ausdruck völligen Vertrauens an dem Sprechenden, ihr Mund blühte wie aller Rosen schönste. Wo du hingehst ... Sah sie in der Ferne schon den Faden ihres Weges? —

Am nächsten Tag sammelte Güldenfey die frisch erhaltenen Rosen aus. Diese bekam Telge zum Schmuck des Bootes, das Harro und Marfa nach Heilisoe brachte; diese trug sie in das Alterstübchen Engelkes, in das sie die Alte mit Jörg gegen Abend führte. Drunten am Binnenhafen hinter kleinen Häuschen, vor denen Wagnergerät den Weg sperrte, lag der Heilige Geist, ein Gewirr von spitzgiebligen Dächern, Rasenflecken und Fachwerkgemäuer, das nach einer Seite die hohe Mauer der einstigen Befestigung abschloß, und auf das der kleine Turm der Geistkirche überlegen und keck herabsah. Gleich hinter dem Tor aber war der Klosterhof, dieser stille, einsame Gang mit den hölzernen, einen Umgang stützenden Säulen, mit den für den Ablauf des Regenwassers schräg gelegten Steinplatten und der Doppeltreppe. Immer strich ein kühler Wind durch diesen Hof, immer traten, sobald Schritte in ihm erklangen, die Alten an ihre Tür.

Jörg blieb vor der Tür stehen und las, was darüber eingemeißelt war. »Sieh doch, Engelke, du trittst aus einem alten Haus in das andere«, sagte er. »Dort oben steht: Diese Wohnungen des Heiligen Geistes seindt erbaut 1643. Was sagst du jetzt?«

Doch die Alte erwiderte nichts, sondern nickte nur und folgte Güldenfey in den Säulenhof. Sie achtete auch der neugierigen Gesichter nicht, die rechts und links erschienen, blieb vor ihrer Tür stehen, bis Jörg umständlich aufgeschlossen hatte, und trat dann durch den halbdunklen Vorraum in die freundlich geschmückte Stube, wo sie sich in dem Lehnstuhl am Fenster niederließ.

»In Gottes Namen denn!« sagte sie und legte feierlich das Neue Testament auf den Nähtisch.