Mellin sagte, er habe sich das Lügen abgewöhnt, wenn er von seinen Heldentaten erzählte: Marne, Galizien und Verdun! Was half's! Man hatte doch etwas erlebt. Die Brocken von Volksbeglückung und sozialer Befreiung, die durch alle Mäuler gingen und denen jeder Schwätzer seine Weisheit beimengte, waren nicht nach seinem Geschmack. Zeigt erst, was ihr könnt, sorgt vor allem, daß Brennstoff für den Motor da ist. Daß ihr die Motten kriegt! Und Telge spie wieder über Backbord und strich dann zärtlich seinen neu sprießenden Bartkranz.
»Sieh doch, Jörg!« sagte Güldenfey. »Nein, vor uns.«
Er hatte das Bild der hinter ihnen versinkenden Stadt betrachtet, dieser trutzenden Stadt mit den gewaltigen Massen der Backsteingotik, die Bürgerfleiß in wenig Jahren aufgetürmt hatte.
»Vor uns?« fragte er.
Ja, das Gewölk, das Güldenfey immer wieder betrachtete! Am westlichen Teil des Sehkreises dieser ernste bläuliche Streifen wie eine drohende Not und darüber als tröstliche Verheißung der helle Wolkenfächer, über den die Sonne blitzende Speere schleuderte. Links tauchte schon Heilisoe auf. Die Insel ruhte weit gestreckt wie eine Badende auf der schimmernden Flut.
Die weißen Hütten der Fischer von Neudorf, ängstlich gegen die Winde an den kargen Boden gepreßt und umduftet vom Würzhauch der Heide, ohne Busch und Baum. Weiter die roten Dächer des zweiten Dorfes, und hinter diesem das Kloster und das hoch aufschwellende Dünenland, das die Gräber vergessener Hünen mit ihrem sagenhaften Goldschmuck barg.
Güldenfey stand vorn im Boot. Stets aufs neue empfand sie den Zauber des Eilands, immer löste der Anblick das gleiche Entzücken in ihr aus. »Ach, Jörg, sieh doch nur! Engelke hat recht, und du hast recht: Heilisoe darf uns nicht genommen werden.«
Telge lachte, als er das Wort hörte, das der Wind ihm zutrug. Man hatte im Hof schon davon gesprochen, daß der Konsul das schöne Landhaus auf der Insel verkaufen wolle. Dann wäre er übrig gewesen. Doch wenn die beiden jungen Herrschaften dagegen waren, war seine Stellung gesichert. Zufrieden nickte er und ließ das Boot in kühnem Bogen an das Bollwerk laufen.
Es war alles wohlhergerichtet im Inselhaus, das zwischen Erdwällen im Schutz des Nadelwaldes lag. Von seinen Fenstern sah man nach drei Richtungen die blauen Augen des Meeres leuchten, und gegen Mitternacht harfte der Wind in den Föhren.
Aber Jörg und Güldenfey waren nicht oft im Haus, denn der Himmel war voller Gnaden und segnete mit Sonnenschein des Eilands kurze Blütezeit, aus deren Nächten selbst das Dunkel floh.