Wie war jetzt die Zier dieses nordisch-armseligen Pflanzenlebens so reich! Von der Ginsterblüte ganz zu schweigen, deren Gold an allen Hängen, in jeder Sandmulde prahlte. Aber da blühten heimlich zwischen kriechendem Wacholder und stachligem Ölweidenstrupp die winzigen Erdbeeren und unendlich zarte blasse Federnelken. Da, wo die silbernen Möwen rasteten, stand starr die glänzende Strahlenkrone der Stranddistel, und Gräser neigten ihre Rispen unter dem Flug des Windes. Die Fetthenne lag wie ausgestreutes Gold auf dem Sand; um Hundszunge und Natterkopf flogen winzige Schmetterlinge, blau wie Lapislazuli, und die Schaumflöckchen der Zikaden schimmerten wie Schnee.
Vor allem aber die Rosenbüsche! Güldenfey kniete ehrfürchtig bei einem jeden nieder, den sie in den Tälern des welligen Geländes traf. Diese seltsamen Rosen der Steppe, die von der herben Feuchtigkeit der Seeluft lebten und deren Duft nicht aus dem blaßroten Kelch, sondern aus den Flächen der grünen Laubblätter stieg, sobald man an sie rührte.
»Sind sie nicht wie ein Wunder, Jörg?«
»Das Wunder der heiligen Armut«, sagte er.
Sie sah verwundert zu ihm auf. »Jörg, du sagst oft so seltsame Worte. Hinter ihnen ahnt man immer etwas Feines oder Tiefes. Ist dies das Geheimnis der Kunst?«
Er schwieg einen Augenblick, dann reichte er ihr die Hand zum Aufrichten.
Sie stand vor ihm und sah ihn erwartend an, und seine Augen glitten über das lichte Blond ihres Haares, über das schmalfließende weiße Mädchenkleid. Du Rose! dachte er.
»Komm mit!« sagte er. »Du sollst das Geheimnis meiner Kunst wissen, du ganz allein. Ich strebe, das zu werden, was du bist.«
»Jörg!« rief sie erschreckt.
»Höre mich an, Güldenfey! Meinst du, die Technik des Handgelenks macht es oder der kühne Gedanke? Das kommt ganz von selbst. Aber ich muß ein von Liebe zur Menschheit glühendes Herz haben, sonst klingt unrein wieder, was Gott in mich hineinsprach. Eitelkeit, Ehrgeiz ersticken; darum ist so viel Papier und Lärm in der Welt. Verstehst du das?«