Güldenfey kam die Treppe herab, die von den Wohnräumen in das untere Stockwerk führte. »Guten Abend, Jörg, guten Abend!« sagte ihre helle, klingende Stimme. Dann erblickte sie erst die andern. Sie blieb stehen und lehnte sich grüßend über die Brüstung. Das schwarze Kleid der Trauer hob ihre blonde überschlanke Schönheit, die strahlenden Blauaugen hatten durch die Tränen der letzten schmerzreichen Wochen nichts von ihrem Glanz verloren. Wie sie da stand auf der alten Wendelstiege aus nachgedunkeltem Holz, deren Wandung eine kunstfertige Schnitzerhand vor zweihundert Jahren mit Bildern aus Christi Leiden geziert, erschien sie Jörg wie das Licht jungen Tages, das spät in verschattete Gründe steigt.
Er sagte nichts, er hob nur die Hand und ging ihr einige Schritte entgegen. Sein linker Fuß schleifte nach. Er empfand die Behinderung, die ihm die Verwundung hinterlassen, jetzt angesichts des lieblichen Bildes als einen Mangel.
»Ach, Güldenfey,« sagte er, »ich wartete auf dich hier am Fenster. Es war so schön draußen, und ich mußte, als ich die Prellsteine sah, an unsre Jugend denken.«
Sie errötete wie eine Braut. »Du erwartetest mich? Doch das wußte ich nicht.« Sie legte ihre Hand in seine und sah ihn zaghaft an. Jörg war der Gespiele ihrer ersten Jahre, aber er war ihr soviel ferner gerückt als die andern Brüder. Sie sann nach, wie es doch kam, daß sie in diesen Tagen, da er zum Begräbnis des Vaters gekommen, immer etwas wie Scheu in seiner Nähe empfand. Er war ernster als selbst Malte und stiller als Harro. Hatte er viel erlebt, was er verborgen trug? Von der Schule auf die Universität und nach dem ersten Semester in den Krieg. Während der leidvollen Jahre war er selten daheim gewesen, und danach hatte er wieder sein Studium aufgenommen.
»Liebe Schwester, liebe Güldenfey!« sagte Jörg.
Seine Zärtlichkeit verwirrte sie noch mehr, und sie blickte ihn befangen an.
»Wir werden uns schon verstehen, denn du und ich, wir gehören zusammen«, sagte er. »Hilf mir, wenn es not tut, Güldenfey.«
Sie wollte etwas entgegnen, um eine Erklärung bitten, aber da kamen die andern, und nun war es plötzlich ein andres Zimmer. Onkel Rolf trug unter dem Arm die schwere Aktentasche, ohne die man den Justizrat und Ratsherrn Glöden nie sah; sein Gesicht drückte den Kummer aus, unter dem er seit dem Kriegsausgang litt. Seine trübselige Stimmung umgab ihn wie ein Gewölk und verfinsterte jeden Raum, den er betrat.
Malte, vollendet gekleidet, schien ernst und bleich. Keine Linie seines Gesichts veränderte sich, als Harro ihn mit einem derben Wort begrüßte. Er wußte genau, was er dem Ernst der Stunde schuldig war. Und Frauke! Während sie ein paar Worte mit Güldenfey wechselte, musterten ihre Augen, die grau wie Seewasser im Wind waren und immer ein wenig spöttisch blickten, die andern. Nun, sie war eine Poppelmann, Tochter des Josias Poppelmann, der Aus- und Einfuhr des amerikanischen Warenverkehrs regelte. In Harvestehude war sie daheim und fühlte sich in dieser kleinen Stadt, die wie eine ärmliche Stiftsdame vom Glanz der Vergangenheit lebte, in der Fremde.
Gewiß, gewiß, die Treß waren ein ehrwürdiges Geschlecht, aber was bedeutete das für eine Zeit, die sausende Räder an den Schuhen trug. Das leise Rauschen ihrer seidenen Kleider, das feine Klirren der goldenen Ringe an ihrem Handgelenk war ihr wie eine ferne Musik aus dem verlassenen Königreich ihrer frühen Jugend.