Sie reihten sich um den langen Tisch, Onkel Rolf saß an der Stirnseite, ihm zur Rechten Malte. Sie hatten die Schriftstücke vor sich ausgebreitet. Auf was warten sie noch? dachte Jörg und blickte fragend auf Frauke. Aber die saß königlich in einem hochlehnigen Sessel, hatte den Kopf gegen die Hand gelehnt und sah abwartend vor sich hin.
Die Tür tat sich auf, und Ose trat mit zwei Mädchen ein, die auf silbernen Platten Weinflaschen und Gläser trugen und sie vor den Versammelten aufstellten. Malte erhob sich und füllte die Kelche mit dem alten duftenden Traubenblut. »Liebe Geschwister,« sagte er, »unser teurer seliger Vater hat mir aufgegeben, Sorge zu tragen, daß wir in dieser Stunde seiner freundlich und liebevoll bei den letzten Flaschen seines Hochzeitweins gedenken. Ich erfülle seinen Willen. Dem Gedächtnis unsers Vaters und unsrer lieben Mutter!«
Sie hoben die Kelche und tranken andächtig. In Güldenfeys Glas fiel eine Träne. O du Gute, Ungekannte, die sterben mußte, damit ich lebe! dachte sie. Das Heimwehgefühl überkam sie. Sie beschloß, mit Ose einmal wieder von der Seligen zu sprechen.
Sie hatte die Hände in ihrem Schoß gefaltet und bemühte sich, achtzugeben auf das, was Onkel Rolf vorlas. Ihres Vaters Stimme! Ja, war denn das seine freundliche, tiefe Stimme, die so zärtlich klang, wenn er ihr Gesicht zu sich niederbog: Liebe, kleine Güldenfey! Das waren trockene Formeln, Zahlen, die Onkel Rolf sehr ausdrucksvoll betonte, und wenn er etwas Besonderes hervorhob, strich er mit dem Zeigefinger über sein Kinn. Sie verlor, während sie auf die Wiederholung dieser Eigentümlichkeit wartete, den Faden. Ach, warum auf langweilige Dinge achten, die sie nichts angingen!
Harro gingen sie an und Malte, der jetzt an Vaters Stelle stand. Sie blickte auf ihn. Er saß kerzengerade da, mit festgeschlossenen Lippen und sehr bleich. Erregte ihn das Lesen dieses väterlichen Vermächtnisses? Zuweilen glitten seine Blicke zu Frauke, suchend, fragend. Aber die saß kühl und abgekehrt da, und in ihren Augen war das Lächeln, dies seltsame fremde Lächeln.
Es fiel Güldenfey auf, wie edel das strenge, marmorweiße Gesicht ihres ältesten Bruders war. Irgend etwas war in ihm, das sie früher und an anderm Ort gesehen. Wo nur und wann? Sie sann nach und fand es nicht.
Aber plötzlich blieben ihre Augen an dem Bilde haften, das gerade über Malte an der Wand hing, dem Bild des Ahnen, jenes rätselhaften Balzer Treß, durch den der Reichtum einmal in das Geschlecht gekommen war und der auf seltsame Weise verschollen sein sollte. Das Bild war sehr alt, aber jetzt im scharfen Licht der Deckenkrone deutete Güldenfey in ihm Zug um Zug aus. Sie verglich und wußte es plötzlich: in Malte war Balzer Treß wiedergebildet.
Sie seufzte auf, als die gleichförmige Rede Onkel Rolfs jäh abbrach. Also nun waren sie am Ende!
Maltes Hand griff hastig schlichtend in die Papiere. Er war erregt und bemüht, es zu verbergen. Er hob das Glas an die Lippe und setzte es, ohne daß er getrunken hatte, wieder nieder. Dann stand er auf.
»Wenn ich als Ältester zu dem Vermögensstand unsers Hauses, wie er eben dargelegt ist, mich äußere, so spreche ich kein Urteil über unsern Vater aus. Er trägt nicht Schuld, daß wir viel verloren. Mehr als vier Jahre Krieg! Schlimmeres wartet unser. Aber ich verspreche euch: ich werde unser Geschlecht wieder heben, daß es angesehen dastehen wird. Und mit ihm unser Vaterland. Deutschlands Throne sind leergefegt. Wer wird sie wieder besteigen?« Er machte eine Pause und hob die Hand: »Deutschlands, Europas, der Welt Herr wird das Geld sein!«