Jörg ging, etwas zu holen, was er im Hause vergessen hatte. Güldenfey sah ihm nach, wie er auf dem schmalen Steig in der Svantevitbucht die Dünen emporklomm.
Wir, die eines Geistes sind! Ja, waren denn Jörg und sie wirklich andre als die älteren Brüder? Hatte alle nicht ein Schoß getragen? Waren sie vier nicht unter dem gleichen Herzschlag dem Leben zugewachsen?
Das glasgrüne Wasser spülte über die Kuppen der Blöcke und fuhr gurgelnd um die kantigen Flächen. Wie von Riesenfäusten geschöpft, floß der Gischt über sie hin. Die sich wider ihn stemmten, schliff er in geduldiger Arbeit glatt, die abgewandten blieben rauh. Es war hier wie im Menschenreich.
Sie sah auf, ob der Bruder bald wiederkehre. Das Gefühl einer zärtlichen Verbundenheit erwärmte sie. Ja, sie und er gehörten zusammen, sie spürte es ganz deutlich. Sie mußte ihn fragen, wie es möglich war, daß er dieses Unterschieds sich bewußt geworden.
Doch als er kam und von andern Dingen sprach, hielt sie die Frage zaghaft zurück. —
Und an einem Nachmittag trafen Harro und Marfa ein. Telge hatte die große Flagge gehißt und sah bewußt auf die junge Herrschaft, die das Boot am Bollwerk erwartete, als erwarte er besonderes Lob.
Wie hatte ihr junges Frauentum Marfa verändert! Ihre Hingabe an den Mann prägte jedes Wort und jeden Blick, und sie ging nicht von seiner Seite. Sie sollten im Treßhof wohnen, aber Harros Wirkungsfeld war die Hauptstadt. Er sprach davon, daß er bald abreisen müsse. Die Angst, sie solle ohne ihn sein, stand wie ein Gespenst hinter jeder ihrer blumigen Stunden.
»Nicht wahr, Güldenfey, du wirst sie trösten?« fragte Harro.
»Aber ja!« sagte Güldenfey und liebkoste Marfas Hand. »Denk nur, Marfa, er kommt oft herüber. Und jedesmal die Freude des Wiedersehens!«
»Und jedesmal ein Abschied!« sagte Marfa.