»So frag' doch, kleine Güldenfey.«
»Es ist etwas, das nur dich angeht, aber nach diesen herrlichen Tagen der Gemeinsamkeit ... Und glaub' mir, ich hüte es heilig.«
Sie waren bei den verlorenen Steinen angelangt, zwischen denen farbige Algen schwammen.
»Ich habe kein Geheimnis vor dir«, sagte Jörg. »Laß uns niedersitzen. Was willst du wissen?«
Güldenfey faltete die Hände um ihre Knie. »Du bist für die Musik bestimmt, Jörg. Doch da ist noch etwas andres in dir, das, was du die große Liebe nanntest, das, was den meisten, auch in unsrer Familie, fremd ist. Mutter hat es gehabt. Wie aber hast du es in dir gefunden?«
Er sah lange auf das Meer, als suchten seine Augen ein Bild, das in weiter Ferne lag.
»Es ist mein größtes Erlebnis«, sagte er endlich innig und ungewöhnlich zart. »Es war, als es mich draußen haschte. Die andern waren zurückgeflutet oder tot. Ich war in eine Sandmulde gekrochen. Seltene purpurrote Blumen standen in der Dürre, große Steine lagen umher. Wie hier. Mein zerrissenes Bein brannte wie im Feuer, die Sonne stach. Meine Sinne vergingen und wachten wieder zur Klarheit auf. Dann spürte ich Hunger und den fürchterlichsten Durst. Ich versuchte, mich fortzubewegen — es war unmöglich. Die Nacht mit ihren Kälteschauern brachte keine Erfrischung. Als die Sonne wieder aufging, wußte ich, daß ich, von allen verlassen, sterben sollte. Noch deckte mich der Schatten einer fernstehenden Baumgruppe. Aber ich glaubte, daß die Sonnenstrahlen, wenn sie mich erreichten, den letzten Rest von Kraft aus mir saugen würden.«
Güldenfey rührte ihn an. »Jörg, Jörg! Und hier tranken wir und aßen wir und haben das nicht gewußt.«
»Plötzlich bäumte sich alles in mir gegen den Tod auf. Leben, um jeden Preis leben! Ich hatte ja noch viel zu tun, ich wollte den ungesungenen Liedern nachgehen! Da sah ich unter den Bäumen einen Mann stehen; hinter ihm hing die Sonne ihren Strahlenmantel auf. Ich weiß nicht mehr, wie er gekleidet war: anders, als wir uns kleiden, war er und doch nicht fremdartig. Ich wollte ihm winken und konnte nicht, und kein Ruf kam mir vom Mund. Ich bemerkte, daß er mich nicht sah. Er blickte über mich hin. Als ich den Kopf in die Richtung wandte, sah ich auf dem Stein neben mir einen andern sitzen, den schaute der Mann an. Der andre sah aus ... hast du meine Zeichnung von dem Götzen des Geldes gesehen? Das war er! Als ich den andern betrachtete, redete er mich an: ›Du willst leben? Wohlan, sage zum Stein, daß er Wasser gebe. Er wird es tun, sobald du mir deinen Hunger und Durst verpfändet hast.‹ — Nimm hin! wollte ich rufen; aber in der Fülle meiner leiblichen Qual empfand ich doch die Warnung: Du gibst Unwiederbringliches hin. Was sollte ich tun? Ich blickte mich nach dem Mann unter dem Baum um, als müsse mir Rat von ihm kommen, und mir war, als sage sein Blick: Was wärest du ohne Hunger und Durst! Ich schüttelte den Kopf.
›Du willst nicht‹, sagte der andre. ›Aber Ehre für deine Tapferkeit willst du ernten. Ich verspreche dir Unsterblichkeit, wenn du mir erlaubst, dein Gewissen umzubringen. Es ist eine Kleinigkeit!‹ — Ich fühlte es heiß in mir ringen. Da blickte ich auf den stillen Mann, der wiegte langsam das Haupt. — ›Geh!‹ rief ich den andern an, aber er ging nicht, er stand nur auf.