Malte war sachlich, er zählte das Schandregister auf: Entmannung, Überwachung, Aussaugung, diese zerquälende Folge der den Menschheitgesetzen hohnsprechenden Gewalttaten, dieses Saatbeet der Angeberei, des Verrats, der niedersten menschlichen Triebe.
Der Wind war aufgekommen, der die Wellen heftig gegen den Strand warf. Es war ein wildes Schäumen um die Blöcke. Tat die Natur ihren Mund auf, um wider die sich zerfleischende Menschheit zu zeugen?
»Man weiß nicht, was das Ärgste darin ist!« stöhnte Harro, als Malte geendet hatte.
»Das weiß man wohl«, sagte Jörg. »Daß wir die Lüge, die wider uns ersonnen ist, als Wahrheit ausgeben sollen.«
Güldenfey trat plötzlich mit erhobener Hand vor: »Jörg, das ist es, was du erzählt hast: der Mord des Gewissens.«
»Halt, Güldenfey, sag' das noch einmal!« rief Harro. »Mord des Gewissens. Das will ich mir merken. Ich hab' es mir zuweilen gewünscht, daß es hier innen still sei. Es gibt Dinge ... Einmal lag ich morgens draußen in einem Loch. Da kam einer von drüben, der sich im Nebel beim Essenholen verlaufen hatte. Er sang laut vor sich hin. Ich ließ ihn, Gewehr im Anschlag, näher kommen; dann fiel der Schuß. Er hatte einen leichten Tod. Wie viele in meinem Feuer lagen, das weiß ich nicht, will es auch nicht wissen. Aber dieser eine Mann macht mir oft Unruhe. Es ist unbequem, aber es ist doch wohl gut.«
»Quält dich die Erinnerung auch jetzt noch?« fragte Marfa.
»Seit ich dich habe, nicht mehr«, sagte er. »Malte, was können wir jetzt tun?«
»Tätig sein«, erwiderte Malte knapp.
Er war während der Erzählung des Bruders zur Seite getreten. Jetzt zog er die Uhr. »Ich bin nur gekommen, weil ich dachte, die Nachricht sei sehr wichtig für dich. In einer Stunde fahre ich.«