»Sie sind recht berichtet, Herr Hofmeister.«
Der weißbärtige Herr schüttelte den Kopf: »Sehr schön, Herr Justizrat, ich bewundere Malte Treß. In dieser Zeit, da keiner weiß, was uns widerfahren kann, wie sich alles auswirkt ...«
»Ich bewundere ihn auch. Ich habe immer etwas übrig für Leute, die den Kopf in Zeiten der Not hoch tragen. Jetzt erst recht! Wir Alten sind mürbe geworden und verstehen das nicht mehr.«
Als er seinen Weg allein fortsetzte, verdüsterte sich sein Gesicht wieder. Er würde es keinem sagen, daß er Malte doch ernstlich abgeraten hatte.
Maltes Mund war fester geschlossen als bisher, die Züge seines Gesichts waren gestrafft, seine Blicke gingen immer, wenn er sprach, über den Angeredeten fort. Herr Häberle hatte den Eindruck, als sähe sein Chef auf einen Punkt, den er unter keinen Umständen aus dem Auge verlieren dürfe. Nur wenn jemand etwas sagte, das entfernt einer Warnung vor allzu kühnen Wagnissen glich, konnte er den Sprecher so erstaunt anblicken, daß dieser jeden Einwand aufgab.
Die Schreibstuben waren in den Treßhof verlegt. Im unteren Stockwerk des Hauses am Markt klopften und hämmerten Maurer und Zimmerleute. Das Vorderhaus war neuzeitlich, aber von dem einstigen Giebelhaus ragte in den Hof noch der alte Flügel mit den Kemladen, jenen Gemächern im Halbdunkel, zu denen man über unzählbare Stufen, hinauf und wieder hinab, gelangte. Alles wurde jetzt nutzbar gemacht.
Malte trieb die Arbeitenden an, da der Umbau mit dem Ausgang des Winters beendet sein mußte, doch bei ihnen stieß sein fieberndes Eilen auf eine starre Wand. Er mußte verdrossene Worte hören, und die verwundert-gebieterischen Blicke prallten wirkunglos ab.
»Herr Häberle, die Leute arbeiten zu langsam!«
Häberle rückte seine Brille gerade. Verstand denn der Chef die Zeit so wenig? »Herr Konsul, die Menschen können sich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß wir arm sind und Arbeit unser einziges Kapital bleibt. Sie glauben an den großen Wechsel in ihrer Tasche.«
Malte zuckte die Schultern. Sein Beispiel mußte sie anstecken, er würde sie schon mit sich reißen. Er selbst arbeitete unermüdlich. Ausruhen? Wozu? Nach wenigen Stunden Schlaf lag er doch wach, und im Dunkel und in der horizontalen Lage arbeiteten die Gedanken ungestümer denn je. Erholung? Bah, er war aus altem Holz geschnitzt! Der Weg vom Markt zum Treßhof, vier-, sechsmal am Tage, genügte ihm vollauf.