»Kennst du sie? Sie sagte, sie habe bei uns gewohnt!«
Es schien, als besinne er sich. »Das ist törichtes Gewäsch. Ich kenne die Person nicht, will sie nicht kennen. Sie ist eine Verworfene. Hast du nicht bemerkt, daß sie betrunken war?«
Das war also der widerliche Geruch. Und doch — Güldenfey fühlte, er verbarg ihr etwas. Ihr Blut wallte warm in Mitleid, Tränen stiegen ihr auf. »Eine Verworfene? Und du konntest so hart sein, Klaus!«
Er schwieg betroffen. Er fühlte, daß er etwas in Güldenfeys Sinn eingebüßt habe, was nicht leicht gutzumachen war.
Als sie zu Hause eintraf, rief sie nach Ose. Die Alte stand im oberen Flur vor den Leinenschränken und bündelte Wäsche ein. Atemlos erzählte Güldenfey ihr Straßenerlebnis.
Oses Lippen wurden schmal und herbe. »Laufen viele Frauen jetzt durch die Welt, die einst guter Herkunft waren; habe jüngst erst eine gesehen, die einstmals in Seide ging und nun Lumpen trägt. Was soll die Schaffnerin mit uns zu schaffen haben, du liebe Seele!«
Güldenfey trat vor sie hin: »Sieh mich an, Ose! So, und nun sag': Was hat es mit der Frau auf sich?«
Die Alte schluckte mühsam. »Kind, ich kenne sie doch nicht. Und wenn ich wüßte, wer sie wäre, glaubst du, ich würde reden, wenn ein Verbot meinen alten Mund versiegelt hält?«
Da flossen Güldenfeys Tränen. »Es ist soviel Not da, die wird verdeckt mit Schweigen. Ich möchte helfen und kann nicht, weil ich ihr nicht auf den Grund sehe. Hilf du mir doch, Ose.«
Aber Oses Gesicht blieb verschlossen und war fast hart, und der Mund, der immer willfährig war, wo es zu trösten galt, blieb dieses Mal stumm. —