Ja, Güldenfey litt mehr, als alle wußten.

Frau Mellin war mit einem Brief zu ihr gekommen, das älteste Kind der Tochter siechte dahin. Die Kinder in den großen Städten starben in Menge, weil ihnen das Nötigste fehlte: Milch und Brot.

»Lassen Sie das Kind kommen«, riet Güldenfey. »Wir werden es herauspflegen.«

Doch Frau Mellin wußte, daß die Not hier die gleiche sei. »Sehen Sie sich doch die Kinder auf der Straße an, gnädiges Fräulein!«

Seitdem achtete Güldenfey in der Stunde, da sich die Schulen schlossen, auf die Scharen, die sich in die Straßen des Sachsenviertels ergossen. Sie ging hinter den Trupps her, sie stellte sich mit ihnen vor die Ladenfenster, wo hungrige Blicke die märchenhaften Dinge der Auslage prüften. Sie wollte hören, und sie hörte. Ach, was hörte sie!

»Mutter sagt, wir verkaufen jetzt unsre Milchkarten. Was nützt die Karte, wenn wir die teure Milch nicht bezahlen können.«

»Grete ist gestern gestorben.«

»Der Otto von nebenan auch.« Es klang, als werde ein Trumpf ausgespielt.

»Der Doktor sagt, sie hat die Grippe gehabt. Mein Vater sagt: Unsinn, sie ist einfach verhungert.«

Hunger! Wie furchtbar klang das Wort vom Kindermund! Welche Anklagen stiegen aus den vielen kleinen schmucklosen Särgen, die man heimlich, wie verschämt, in der Dämmerung zum Friedhof trug!