»Kinder, wartet hier. Ich kauf' euch etwas.«

Sie warteten. Ihre Blicke hinter der dicken Scheibe hafteten an dem Fräulein drinnen, das mit dem Bäcker verhandelte.

»Brot, natürlich, und Semmeln. Und die trockenen Küchlein im Glas. Packen Sie nur ein. Und bitte, schnell noch etwas von dem Zuckerwerk.«

Sie trat aus der Ladentür, beide Arme befrachtet mit Gebäck. Ein Dutzend blasser Kindergesichter — oder waren es mehr? — hob sich ihr entgegen. Das verlegene Lächeln derer, die nicht zu glauben wagten, schnitt in ihr Herz. Es tat so weh, dieses Lächeln, weil es nicht glücklich war.

»Seht, das ist für euch. Nehmt nur, nehmt!« sagte Güldenfey. Sie stand da wie die heilige Elisabeth und legte ihre Gaben in die geöffneten Hände.

»Nehmt es, nehmt das liebe heilige Brot!«

Wie schauten sie nur aus, diese Menschlein, um deren entkräftete Körper die zerstörenden Fieber des Lebens wie nächtige Schakale um niedergebrannte Feuer schlichen: ungepflegt, rauhe, vertragene Stoffe auf dem hageren, von keinem Hemdlinnen geschützten Leibe tragend und ohne Glauben an die große Güte, die des Hungernden sich erbarmt. Sie konnte das stumme Elend nicht ertragen, sie ermunterte: »Ihr lieben Kinder, erzählt mir etwas.«

Da und dort begann einer der essenden Münder zu sprechen. Ein Mädchen erzählte, daß man heute das Bild des Kaisers aus der Schulstube entfernt habe. Krampfte nicht das Herz, wenn man das hörte? Papierne Bestimmungen jagten einander: die Bilder ausgetrieben, der Heiland ausgetrieben — und Reihen hungernder Kinder saßen da, denen man etwas nahm und statt des nötigen Brotes eine neue Rechtschreibung gab. Es war, daß sich Steine erweichen konnten!

Wenn Güldenfey jetzt um die Mittagsstunde durch die Straßen schritt, liefen ihr die Hansen und Greten schon entgegen, und die Menge wuchs, die draußen vor dem Bäckerladen harrte, in dem sie Brot einhandelte. Sie mußte die Stücke verkleinern, denn oft reichte ihr Geld nicht aus. Und immer begleitete ihre Gabe ein segnendes Wort. Nehmt hin, nehmt das liebe Brot!

Wenn Güldenfey heimkam, wußte sie zu erzählen.