Güldenfey hatte kein Geld mehr, sie mußte borgen. Aber um alles nicht sollte der Junge darben. Als sie sich der Tür zuwandte, griff einer der Fremden in die Tasche und warf ihr einen schmutzigen Schein zu. Es war, als hätte er sie geschlagen. Blutrot war ihr Gesicht. Dann hob sie das Papier auf und schritt auf ihn zu. Unter ihrem Blick erstarrte das gutmütige Grinsen. »Danke! Wir bedürfen der Almosen nicht!«

In Güldenfeys Seele brannte eine Wunde neben der andern.

Hans Olrogge kam in den Treßhof. Es hätten sich Kreise von wohlhabenden Erwachsenen gebildet, die fremdländischen Tänze zu studieren; ob Fräulein Treß teilnehmen möge.

Als sie ihn ansah, fühlte er, daß es vergeblich sei, von seinen Erklärungen für die so lange unterbundene Lebensfreude Gebrauch zu machen.

»Ich sollte jetzt tanzen?« fragte sie. »Ich würde den Gedanken an die nicht los, die vor den erleuchteten Fenstern stehen und auf die fremden Weisen hören. O nein, Herr Olrogge!«

Es war angstvoll gewesen, in einer Zeit zu leben, die nach Blut und Eisen schmeckte. Der Dunstkreis dieser gärenden Zeit war gesättigt mit verderblichen Keimen, die wie geistiger Meltau auf die Willensschwachen fielen. Die Angst um das kleine Ich verschattete völlig die Sorge um das Ganze.

Was war es nur, das diese unvereinbaren Gegensätze schuf, die das deutsche Wesen zerrissen: Verzagtheit und frecher Übermut, Darben und Verschwendung? Es mußte etwas im Dunkel des Hintergrundes stehen, das mit frevelnden Händen an den Drähten zerrte, in denen das Wohl und Weh der Menschheit hing. Aber was war es, daß man es packen konnte!

Wäre nur Jörg einmal gekommen; Güldenfey verlangte es nach ihm, er würde ihr antworten können. Aber Jörg war jetzt ganz der Musik verfallen, seine Arbeit litt keine Unterbrechung, und seine Briefe waren in der knappen Pause, die zwischen zwei Stunden lag, geschrieben.

Malte? Ach nein! Sein Ernst erweichte vor Güldenfey noch immer zu einem Lächeln, aber das kam nicht aus seiner Seele. Seine Seele war immer zerstreut; wenn er nicht im Geschäft war, flog sie stets als Wolke vor dem Sturm der Zeit. Nur Pastor Thomasius war stets für sie bereit. In seinen Augen war ein Schein froher Zuversicht, und nie klang eine Stimme so jugendhell wie seine, wenn er vor dem Altar die Bibel in beiden Händen hob: Wir wollen bekennen!

»Welches ist der Geist, der uns zerstört?« fragte ihn Güldenfey.